„Das Rotwild war lange der ideale Sündenbock“

VN / 04.05.2026 • 17:12 Uhr
„Das Rotwild war lange der ideale Sündenbock“
Manfred Vonbank ist Berufsjäger. In der Vorwoche wurde der Innerbrazer zum neuen Landesjägermeister gewählt. VN/Paulitsch

Der neue Landesjägermeister Manfred Vonbank (60) im VN-Interview.

Lustenau TBC, Wildtierfütterung, Wolf: Die Jägerschaft in Vorarlberg steht vor komplexen Aufgaben. Im VN-Interview erklärt der neue Landesjägermeister Manfred Vonbank (60) warum viele Debatten zu kurz greifen und wo Konflikte in Zukunft zunehmen könnten.

Was haben Sie sich für Ihre Amtszeit vorgenommen?

Vonbank Die bekannten Themen werden uns sicher auch in den kommenden Jahren begleiten. Gewisse Änderungen stehen ohnehin an – etwa durch die wildökologische Raumplanung, die gerade am Beginn einer Evaluierung und Überarbeitung steht. Auch beim Jagdgesetz ist es an der Zeit, einzelne Punkte zu ändern oder zu prüfen, was möglich ist und was nicht, und auch vereinsintern werden wir bereit sein müssen, gewisse Dinge zu überdenken. Nur so wird die Tradition Bestand haben.

TBC beschäftigt Vorarlberg seit Jahren. Wie beurteilen Sie die Situation aktuell?

Vonbank Ich beschäftige mich seit 2009 intensiv mit der TBC und traue mich zu sagen, dass ich viel praktische Erfahrung habe. Ich habe auch viel mitbekommen, was seitens der Wissenschaft und Veterinärabteilung unternommen wurde. Die TBC wird sich nicht von heute auf morgen auflösen und die Jägerschaft trägt eine große Mitverantwortung, ist aber nicht allein dafür verantwortlich. Wenn man die aktuelle Situation betrachtet, zeigt sich, dass das Infektionsgeschehen im Nutztierbereich größer ist als im Rotwildbereich und das in Regionen, in denen wir gar kein Rotwild haben. Die Frage ist: Wie kommt es in diese Landesteile? Ein wesentlicher Faktor dürfte der intensive Viehverkehr sein, den man in den letzten Jahren womöglich auch unterschätzt hat.

„Das Rotwild war lange der ideale Sündenbock“
Manfred Vonbanks Leitspruch: “Nur der Mut, Bestehendes zu hinterfragen, ermöglicht es uns, aus Tradition Zukunft zu gestalten.VN/Paulitsch

Was muss sich ändern, damit sich die Situation nachhaltig verbessert?

Vonbank Das Rotwild war lange der ideale Sündenbock. Der Ursprung liegt sicher auch dort, aber wir haben uns zu lange darauf konzentriert und dabei vergessen, was dazwischen sonst noch alles passiert. Wenn Betriebe 700 oder 800 Stück Einstellvieh halten, die dann über das ganze Land wieder verteilt werden, bekommst du das nicht in den Griff. Die Veterinäre, die die Untersuchungen bei den Nutztierbeständen durchführen, leisten sehr gute Arbeit, aber es geht nicht mehr, weil der Test viel zu anfällig für falsch-negative Ergebnisse ist. Da können wir noch so viel Rotwild erlegen und die Diskussion immer wieder auf das Rotwild lenken, aber die Ursache muss auch bekämpft werden.

Die Grünen fordern einen Ausstieg aus der Wildtierfütterung. Wäre ein Ausstieg für Sie denkbar und wenn ja, unter welchen Bedingungen?

Vonbank Gegenfrage: Wo darf das Rotwild überwintern? Wir haben in Vorarlberg diese wildökologische Raumplanung. Darin wurden die alpinen Regionen bewusst als Kernzone ausgewiesen. Früher ist Rotwild zum Überwintern Richtung Walgau und Rheintal gezogen, weil es in den höheren Lagen große Schneehöhen gab. Wegen der Autobahnen und Siedlungsräume hat man gesagt, das geht nicht mehr. Deswegen hat man entschieden, dass das Rotwild auch im Winter in den hinteren Regionen bleiben soll. Wenn wir von einem Ausstieg aus der Wildtierfütterung sprechen, dann will ich wissen, wo die Tiere hindürfen? Wenn sie in Mellau oder Bezau auftauchen, müssen sie dann gleich geschossen werden? Man kann über alles diskutieren, aber man muss wissen, was das bedeutet. Auch dass die Anzahl von Rotwild in Vorarlberg zugenommen hat, kann man nicht auf die Fütterung zurückführen. Liechtenstein, das die Wildfütterung vor etlichen Jahren komplett abgeschafft hat, hatte noch nie so hohe Rotwildbestände wie jetzt.

„Das Rotwild war lange der ideale Sündenbock“
“Wie soll das funktionieren”, fragt sich der neue Landesjägermeister und langjährige Bludenzer Bezirksjägermeister bezüglich Wolf. VN/Paulitsch

Der Wolf ist zurück. Was bedeutet das für die Jägerschaft?

Vonbank Ich bin nicht gegen den Wolf und nicht für den Wolf, aber ich erlebe in meinem beruflichen Alltag, dass wir Riesenprobleme haben, wenn ein Fuchs einen Müllsack im Dorf aufreißt. Es gibt sofort eine Anzeige bei der Bezirkshauptmannschaft und der Fuchs muss sofort erlegt werden. Ähnlich ist es bei anderen Wildtieren: Menschen bauen schöne Häuser am Waldrand. Kommt dann ein Reh, das Hunger hat, und die Rosenstöcke oder einen Obstbaum anknabbert, heißt es sofort, das geht nicht, das böse Reh muss sofort geschossen werden. Oder der Dachs, der auf der Suche nach tierischem Eiweiß den Rasen umgräbt, um Engerlinge und Würmer zu fressen. Und jetzt meinen wir wirklich, wir können bei uns einen Wolf integrieren. Wie soll das funktionieren?