Post von 1767: St.-Martin-Zeitkapsel wurde geöffnet

In St. Martin wurde die Zeitkapsel geöffnet – und damit ein Stück Dornbirner Geschichte.
Dornbirn Punkt 10 Uhr, diesen Mittwoch, herrschte in der Sakristei der Dornbirner Pfarrkirche St. Martin eine Spannung wie vor einer Premiere. Auf dem Tisch lagen zwei Behälter bereit. Pfarrer Dominik Toplek stand vor einer Aufgabe, die wohl nur wenigen Geistlichen in ihrem Leben zuteilwird – er durfte die Zeitkapseln aus der Turmkugel öffnen. Dementsprechend groß war die Aufregung bei ihm.

“Was mache ich denn da jetzt genau?”, fragte er mit einem nervösen Lachen in die Runde. “Das macht man nun mal nicht alle Tage.” Werner Matt vom Dornbirner Stadtarchiv reichte ihm vorsorglich Handschuhe und erklärte ruhig die nächsten Schritte. Um den Tisch versammelten sich der frühere Pfarrer Josef Schwab, die Organisationsleiterin der Pfarre, Heidi Achammer, Harald Rhomberg vom Stadtarchiv, Pastoralassistentin Elisabeth Werrgles, Mesner Manfred Wipplinger, Katharina Körber vom Diözesanarchiv und Karin Lorenz vom Bundesdenkmalamt. Alle Blicke richteten sich auf die zwei Metallkapseln.

Behutsam drehte Toplek den Verschluss. Dann zog er vorsichtig den Inhalt heraus. Es kamen alte Pfarrblätter, Fotografien, Personenlisten zum Vorschein. Dazu Münzen, Reliquien und eine Urkunde aus dem Jahr 1767. Besonders aufmerksam betrachtete die Runde ein Bündel sogenannten “Inflationsgeldes” aus den 30er-Jahren. “Ein Sinnbild für die damalige Wirtschaftskrise”, erklärte Werner Matt.

Die Zeitkapseln wirkten an diesem Vormittag wie eine Flüsterpost über Generationen hinweg. Jede Schicht erzählt vom Alltag ihrer Zeit. 1991 wurden die Behälter bei der letzten Turmsanierung geöffnet und um neue Dokumente ergänzt. Pfarrer Josef Schwab war damals selbst dabei. Am Mittwoch suchte er zwischen den Erinnerungen: “Ich glaube, das muss sich alles erst wieder setzen.”

Während die Fundstücke Stück für Stück auf dem Tisch ausgebreitet wurden, hatte Heidi Achammer bereits die nächsten Schritte im Kopf. Sie hielt die alten Archivlisten griffbereit und dachte laut über eine mögliche Ausstellung nach. “Da steckt unglaublich viel Wissen drin”, sagte sie. Gemeinsam mit dem Stadtarchiv soll nun alles gesichtet, dokumentiert und bewertet werden. Eine Vorlage dafür gibt es bereits. Der frühere Stadtarchivar Albert Bohle hinterließ nach der Öffnung 1991 eine akribische Dokumentation mit mehr als hundert Seiten.

Zwischen Reliquien, vergilbten Papieren und alten Münzen tauchte aber auch rasch die Frage auf, was die heutige Generation selbst hinterlassen wird. “Bitcoin oder einen USB-Stick?”, scherzte Pfarrer Toplek. Tatsächlich bleibt bis zur erneuten Befüllung noch Zeit. Denn sämtliche Stücke bleiben traditionell in der Kapsel und werden lediglich um neue Zeugnisse ergänzt. Besonders faszinierend findet Achammer, wie vertraut manche Themen aus den alten Dokumenten wirken. Schon 1991 war von Priestermangel und weltpolitischen Unsicherheiten die Rede. “Gar nicht so unähnlich wie heute”, sagte sie nachdenklich.

Bis entschieden wird, welche Botschaften das Jahr 2026 für kommende Generationen hinterlassen soll, wandern die historischen Schätze nun erst einmal in den Tresor der Pfarre, bevor sich das Team von Pfarre und Stadtarchiv dem wertvollen Schatz in aller Ruhe widmet. cth





