Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Ein bisschen Leichtigkeit

VN / 11.05.2026 • 11:30 Uhr

Entspannte, gut gelaunte Menschen aus den Ländern Europas schlendern durch die blühende Stadt und erfreuen sich an dem gemeinsamen Erlebnis. Der 70. Song Contest, der diese Woche in Wien stattfindet, lässt die gepflegte Muffigkeit, die die Bundeshauptstadt üblicherweise auszeichnet, einmal beinahe vergessen. Nicht nur viele Wirtschaftstreibende sind jetzt enthusiasmiert, wenn sie an die konsumfreudigen Song-Contest-Touristinnen und -Touristen denken, die viel zusätzliches Geld in die Stadt bringen. Die Großveranstaltung ist allerdings gerade heute in politisch bewegten Zeiten mehr als ein Umsatzbringer oder ein Mitschunkelprogramm für Hedonistinnen und Hedonisten, die nur am eigenen Vergnügen interessiert sind.

Menschenfreundlichkeit, das unbekannte Wesen in einer Welt, die leider vor allem mit Konflikten ringt.

Der Gesangswettbewerb steht seit 1956 für die Idee der friedlichen Völkerverständigung, und das kann man ja nur mehr von wenigen Veranstaltungen auf der Welt sagen. Rund um den Song Contest kommt ein gewisses Gefühl der Verbundenheit wieder zurück, jener Moment des Wir-Gefühls, der ein Zusammentreffen erst zu etwas Besonderem macht. In Zeiten des Krieges und der internationalen wirtschaftlichen Verwerfungen stellt dieses “Wir” eine Abwechslung von der traurigen Realität dar. Menschenfreundlichkeit, das unbekannte Wesen in einer Welt, die leider vor allem mit Konflikten ringt.

Die Swifties-Invasion

Ein bisschen Leichtigkeit, das könnten jetzt viele von uns brauchen. So wie diese positive Atmosphäre im August 2024, als Massen von jungen Menschen in den Straßen Wiens gesungen und Freundschaftsarmbänder verteilt haben, sogar an die Bäume Wiens. Und auch wenn so viel öffentliche Aufgeräumtheit hierzulande ungewohnt war, konnte man sich dem Charme der Swifties, der Taylor-Swift-Fans, nicht so leicht entziehen. Jedenfalls für die paar Tage der Konzertreihe des Weltstars, die aus Sorge vor einem geplanten Terroranschlag abgesagt wurde. Der heute 21-jährige Hauptangeklagte mit islamistischem Hintergrund bekannte sich Ende April beim Prozessauftakt um den vereitelten Anschlag großteils schuldig, zumindest in Sachen der Planung für das Attentat.

Ein Großereignis kann Menschen verbinden. Dass alle dadurch Schwestern und Brüder werden, ist natürlich unrealistisch. Überzogener Nationalstolz, tradierte Ressentiments oder die Abwertung der anderen, auch das kann rund um Veranstaltungen wie den Song Contest teilweise hochkommen. Umso wichtiger ist es, wenn möglichst viele auf die Werte setzen, die Europa stark gemacht haben, wie die Achtung der Würde und Freiheit des Menschen. Wenn das auch laute Partys und den kollektiven Austausch von Freundschaftsarmbändern inkludiert, soll es so sein.

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und ist Redaktionsleiterin von ORF.at.