Reinhard Haller

Kommentar

Reinhard Haller

Kommentar: Die Rache der Narzissten

VN / 13.05.2026 • 18:00 Uhr

Narzissmus wird meist gleichgesetzt mit Egozentrik, Eigensucht, Empathiemangel und Arroganz, fälschlich auch mit Eigenliebe. Denn ein Narzisst kann gar nicht lieben, nicht einmal sich selbst. Am wenigsten denkt man bei Narzissten an eine im Gegensatz zur großartigen Fassade stehende Eigenschaft: Sie sind extrem kränkbar. Und das ist ihre gefährlichste Seite, denn daraus entwickelt sich das Bedürfnis nach Vergeltung und Bestrafung, nach Rache. Rächen ist meist eine Antwort auf Zurückweisung und Kritik, also auf Kränkung. Denn der sich stark und mächtig gebärdende Narzisst erlebt selbst kleine Enttäuschungen wie eine Existenzbedrohung. Sein von Überlegenheit und Unangreifbarkeit geprägtes Selbstbild bekommt einen Riss, der durch Schuldumkehr und Vergeltung zugedeckt werden muss.

Diese scheinbar theoretischen psychologischen Abläufe kann man im täglichen Leben  bei Partnerschaftskonflikten oder beim Mobbing im Berufsleben hautnah beobachten, aber auch in der großen Politik. Wie kann denn der radikale Wandel des Donald Trump, an dessen narzisstisch gesteuertem Verhalten wohl kein Zweifel besteht, vom Möchtegern-Friedensmessias zum Angriffskrieger anders erklärt werden als durch die Kränkung des nicht zugesprochenen Nobelpreises? Wie die ständigen Drohungen mit dem Natoaustritt besser als durch den Vorenthalt eines Stückes Eisfläche, wie er Grönland genannt hat? Der nach einer Gegenrede des deutschen Kanzlers angekündigten Truppenabzug entpuppt sich ebenso wie die Attacken auf Papst Leo als gekränkte Rache. Und wo ist die maßgebende Ursache des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine zu vermuten?  Man liegt kaum falsch, wenn man diese als Reaktion eines narzisstisch gekränkten Präsidenten auf die demütigenden Äußerungen westlicher Politiker über das zur Regionalmacht geschrumpfte russische Großreich sucht. Psychologisch gesehen ist die Rache der Narzissten ein Versuch, Ohnmacht in Macht zu verwandeln. Der Gekränkte will Genugtuung und totale Kontrolle. Die andern sollen spüren, was er selbst nicht aushält, nämlich Unterlegenheit.

Die Rache der Narzissten ist ein Kampf gegen eigene Minderwertigkeitsgefühle, die sich hinter dem grandiosen Äußeren verbergen. Zwar kann man mit der Kränkungshypothese allein die Komplexität von Kriegen nicht erklären. Wenn wir aber über die Unkalkulierbarkeit der großen Führer rätseln, gibt sie Einblick, wie diese ticken. Sagt doch eine alte Weisheit: Gott verzeiht, nicht aber ein narzisstisch gekränkter Mensch.

Univ.-Prof. Prim. Dr. Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut und früherer Chefarzt des Krankenhauses Maria Ebene.