Vom Tiefpunkt zum Neuanfang

Wie Sude Ünal nach schulischen Rückschlägen neuen Halt und Selbstvertrauen fand.
Dornbirn Es geht nicht nur darum, was gesagt wird, sondern auch um das „Wie“. Um Tonfall, um Mimik, um Haltung. Gerade im Klassenzimmer entscheiden diese Nuancen über Vertrauen oder Zweifel. Sude Ünal (16) litt in der Mittelschule unter einem Lehrer, fühlte sich ungerecht behandelt. Vor allem Worte verletzten sie, etwa, wenn es hieß: „Du schaffst nichts. Du wirst in deinem Leben nie etwas erreichen.“
Dabei ging Sude – bildhübsche Tochter türkischer Einwanderer – eigentlich gerne zur Schule. Ihre Noten waren gut, nur in Mathematik hatte sie Schwierigkeiten. Sie hätte jemanden gebraucht, der ihr den Umgang mit Zahlen verständlich erklärte. Stattdessen erlebte sie das Gegenteil: „Der Lehrer hat mich niedergemacht und sogar mein Outfit kritisiert.“ Beschwerden bei Klassenvorständin und Direktorin blieben ohne Wirkung. Da könne man nichts machen, soll es geheißen haben. So schloss Sude die dritte Klasse Mittelschule mit der Note Fünf in Mathematik ab.
Im Herbst nach den Sommerferien wollte sie wieder zur Schule gehen, wurde jedoch von der Schulleitung abgewiesen. Weil sie bereits eine Klasse wiederholt und damit neun Schuljahre absolviert habe, dürfe sie die vierte Klasse nicht mehr besuchen. „Man schickte mich weg. Also ging ich wieder nach Hause.“

Ein schwerer Schlag für die damals 14-Jährige: „Ich war am Boden zerstört, fühlte mich als Versagerin. Ich wusste nicht, was aus mir werden sollte. Der Mittelschulabschluss war mir wichtig.“
Sude zog sich zurück, ließ niemanden mehr an sich heran. Sie verlor ihre Freundinnen, wurde zunehmend einsam.

Im Februar 2025 erfuhr ihre Mutter, dass man bei Integra den Pflichtschulabschluss (PSA) nachholen kann. „Meine Mama brachte mich dorthin, und zwei Wochen später konnte ich anfangen.“ Noch immer belastet von ihren Erfahrungen, fühlte sich Sude am ersten Tag unsicher. Doch das änderte sich schnell: „Alle Schüler in der PSA-Klasse waren in einer ähnlichen Situation.“
Mit der Unterstützung verständnisvoller Lehrpersonen fiel es ihr bald leicht, den Unterrichtsstoff zu bewältigen. Im Februar 2026 hielt sie ihr Abschlusszeugnis in der Hand: „Ich war so glücklich!“

Anschließend nahm sie am Programm „Gezielte Berufsorientierung“ teil, das den Übergang in Ausbildung oder Beruf erleichtert. Im Rahmen dieses Integra-Angebots absolvierte Sude Schnupperpraktika: zunächst im Kosmetikstudio LaSuar, das ihrer Mutter gehört, dann in der Röntgenabteilung des Krankenhauses Dornbirn und schließlich in einer Zahnarztpraxis. Dort erhielt sie nach den obligatorischen drei Schnuppertagen ein Angebot für einen Ausbildungsplatz als Zahnarztassistentin. Seit Anfang März arbeitet sie in der Praxis: „Ich fühle mich gut aufgenommen, arbeite gern dort und lerne viel.“
Eigentlich wollte sie Flugbegleiterin werden. „Das war mein Traum. Aber Zahnarztassistentin ist auch ein sehr schöner Beruf.“ Die Ausbildung dauert drei Jahre. „Mit 19 bin ich fertig. Mal schauen, wohin mich mein Weg dann noch führt.“

In ihrer Freizeit ist Sude oft mit ihren neuen Freundinnen unterwegs und tut, was Teenager eben so tun. Zudem spielt sie leidenschaftlich Geige: „Ich habe an der Musikschule in Hohenems gelernt, wo ich aufgewachsen bin, bis wir nach Dornbirn gezogen sind. Jetzt werde ich an der Musikschule Dornbirn weitermachen.“
Heute wirkt Sude Ünal selbstbewusst, empathisch, gut drauf. Und sie hat eine klare Botschaft für andere junge Menschen in ähnlichen Situationen: „Gebt niemals auf! Egal, wie schwierig es ist, macht weiter. Es gibt immer eine Lösung.“ HRJ
ZUR PERSON
SUDE ÜNAL
GEBOREN 23. Juni 2009
WOHNORT Dornbirn
LAUFBAHN Ausbildung zur Zahnarztassistentin
HOBBY Geige spielen