Kolumne: Aber ich fühle mich gerade so wohl hier!
Schon wieder hoher Besuch. Wie immer Anfang, Mitte Mai, kündigte sich der Trupp an. Es sind nicht die zuverlässigsten Gesellen, manchmal kommen sie, manchmal nicht, und ehrlich gesagt, habe ich nichts dagegen, wenn sie den Besuch mal ein Jahr auslassen. Nächstes Jahr vielleicht wieder, okay, schönen Sommer!
Auch dieses Jahr war’s irgendwie unsicher, es wurde herumgedruckst, ja, nein, vielleicht, kommen sie, kommen sie nicht. Ich fuhr ein paar Tage ins Ausland, ich dachte, wenn sie auftauchen, bin ich nicht da, das passt schon. Als ich zurück war, keine Spur mehr von Mamertus, Pankratius, Servatius, Bonifatius und Sophia, die Eisheiligen waren dahin. Okay! Gut!
Also bepflanzte ich das Hochbeet fertig, die Salate ernte ich schon, Mangold, Erdbeeren, Kräuter und Tagetes wachsen vor sich hin, aber jetzt kamen endlich auch die Chilis rein, die Gurken und die Paprika, die Erbsen und die Bohnen. Kaum war ich damit fertig und verräumte mein Gartenwerkzeug, winkte die Kalte Sophie um die Ecke. Hallo hallo, so schön hier, ich bleib noch ein bisschen. Ich sagte, aber du solltest längst weg sein, wir haben den 17. Mai! Die Kalte Sophie sagte, aber ich fühle mich gerade so wohl hier, und deine leckeren Pflänzle werden ein feines Nachtessen.
Ich suchte alle meine transparenten Plastikkisten und -kübel zusammen und stülpte sie über die Setzlinge, damit die Kalte Sophie sie nicht findet. Meine zarten, selbst gezogenen Tomatensetzlinge warteten zum Glück noch immer in ihren Joghurtbechern auf dem Fensterbrett, weil ich dem Frieden nicht ganz getraut hatte, völlig zu Recht.
Das Problem heuer: Die Eisheiligen wollten nicht mehr gehen. Statt Badesaison: Schnee in Bregenz, Frost im Waldviertel.
Weil meine Zucchinisamen diesmal nicht aufgegangen sind, habe ich meine Nachbarn, die Horwaths, gefragt, ob sie zufällig was für mich übrig haben. Der Horwath hat gesagt, klar, er hat zwei Kletterzucchinipflänzchen für mich. Super, hab’ ich gesagt, ich nehm’ sie dann mit, wenn wir Song Contest schauen, aber nach dem Song-Contest-Schauen habe ich sie natürlich vergessen. Am Sonntag bin ich wieder rüber, wir aßen Rhabarberkuchen mit Schlag, beschwerten uns über die Eisheiligen, die heuer nicht und nicht verschwinden wollen, und verglichen Wettervorhersagen: Da schau, heute Nacht soll’s in Zwettl minus ein Grad haben! Die Zucchini, die Kürbisse und die Paradeiser blieben dann noch im Haus. Ich habe nur schon einmal ein bisschen Kompost in die vielen Töpfe und Wannen geschaufelt.
Aber wie ich heute früh aufgewacht bin, war die Kalte Sophie weg. Sie hat noch einen zarten weißen Schimmer auf die Wiese gespuckt, dann ist sie für heuer endgültig abgereist. Heute dürfen endlich alle Pflanzerl ins Freie: Der eisheilige Besuch ist wieder weg, tschaulischau bis nächstes Jahr oder auch nicht.
Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.
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