Europas Stromumbau zwischen Versorgungssicherheit und Preisdebatte

Wie schnell und auf welchem Weg der Umbau gelingen soll, sorgt von Brüssel bis Vorarlberg für kontroverse Debatten.
Schwarzach Europas Stromsystem befindet sich im Umbau. Spätestens die Energiekrise hat gezeigt, wie abhängig Europa von fossilen Importen ist – und wie rasch geopolitische Krisen Preise explodieren lassen können. Der Ausbau erneuerbarer Energien gilt deshalb längst nicht mehr nur als Klimafrage, sondern als Frage der Versorgungssicherheit, wirtschaftlichen Stabilität und strategischen Unabhängigkeit. Einzig: Wie dieser Umbau weiter umgesetzt werden soll, ist umstritten. Das zeigen aktuelle Debatten von Brüssel bis Vorarlberg.
“Die massiven Preissteigerungen der letzten Jahre sind auf explodierende Gaspreise durch den Ukrainekrieg und die Abhängigkeit von russischen Lieferungen zurückzuführen”, sagt Martin Reis, Leiter des Energieinstituts Vorarlberg. Diese Abhängigkeit habe sich über das sogenannte Merit-Order-System direkt auf die Strompreise übertragen. Dabei bestimmt in Europa jenes Kraftwerk den Strompreis, das zur Deckung des aktuellen Bedarfs gerade noch benötigt wird – häufig Gaskraftwerke. Steigen die Gaspreise, zieht der Strompreis an.

Stabilere Preise durch Erneuerbare
Der Ausbau erneuerbarer Energien sei hingegen keineswegs für die temporären Preissteigerungen verantwortlich gewesen, betont Reis. Im Gegenteil: Länder mit starkem Ausbau von Wind- und Sonnenenergie würden inzwischen von stabileren Preisen profitieren und die Wertschöpfung bleibe im Land. Als Beispiel nennt er Deutschland. Dort sei es gelungen, durch den Ausbau erneuerbarer Energieträger die Strompreise wieder deutlich zu senken. “Sie liegen heute auf dem Niveau von 2021 – inflationsbereinigt sind sie sogar 20 Prozent günstiger”, sagt Reis.
Auch in Vorarlberg haben die illwerke vkw ihre Strompreise kürzlich reduziert. Wie sieht es mit der Erzeugungssituation trotz Rekordtrockenheit aus? Von Jänner bis April lag die Eigenerzeugung im österreichischen Marktgebiet aufgrund der geringen Niederschläge circa 20 Prozent unter dem langjährigen Mittel, bestätigt ein Sprecher. Doch die zuflussreichen Monate von Mai bis Juni kommen erst noch – daher sei es noch zu früh für eine Prognose.
Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von APA Livecenter angezeigt.
Innovation fördern
Dass niedrige Strompreise allein kein Garant für wirtschaftlichen Erfolg sind, zeigen andere EU-Staaten. Dänemark hat seinen Energiebedarf stark auf erneuerbare Quellen umgestellt und zählt heute zu den Ländern mit den höchsten Strompreisen Europas. Hohe Energiepreise hätten dort Innovation und einen sparsameren Umgang mit Energie aber eher gefördert als gebremst, sagt Reis.
Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von APA Livecenter angezeigt.
Vor diesem Hintergrund steht das Merit-Order-Prinzip zunehmend unter Druck, soll nach Ansicht vieler Fachleute aber nicht abgeschafft werden. Das System funktioniert kurzfristig effizient, weil es Knappheiten sichtbar mache, sagen Experten. Langfristig brauche es jedoch ein neues Marktdesign. Umweltökonomin Sigrid Stagl verweist auf ein Grundproblem: Wind- und Solaranlagen verursachen nach ihrem Bau kaum zusätzliche Kosten pro erzeugter Kilowattstunde. Wenn besonders viel erneuerbarer Strom produziert wird, drückt das die Preise an der Strombörse teils stark nach unten. Für Konsumenten ist das kurzfristig vorteilhaft, langfristig könnten sich neue Anlagen dadurch jedoch schwerer refinanzieren lassen.
Zielkonflikte als Bremse
Wie konkret die Energiewende umgesetzt werden soll, zeigt sich zuletzt wieder in Vorarlberg als politische Konfliktlinie. Grünen-Klubobmann Daniel Zadra warf der Landesregierung zuletzt vor, beim Ausbau erneuerbarer Energien an Tempo verloren zu haben. Energielandesrat Christof Allgäuer (FPÖ) wies diese Kritik zurück. Der Ausbau erneuerbarer Energien scheitere oft an langwierigen Genehmigungen und Zielkonflikten mit Natur- und Gewässerschutz.