Reinhold Bilgeri

Kommentar

Reinhold Bilgeri

Kommentar: Aufklärung

VN / 20.05.2026 • 10:00 Uhr

Frau Ammann schätzt altgediente Journalisten, die die Aufklärung vorantreiben, durch akribische Recherchen und über Jahrzehnte geschärften politischen Verstand, der helfen kann, die verhedderten Fäden unserer Welt etwas zu entwirren. In der flimmernden Ungewissheit der Fake News kann ein Tropfen faktenbasierter Vernunft sehr erfrischend sein, meint sie. Sie hat mir deshalb ein Buch zum Emsbach mitgebracht, das obigen Prämissen entspricht und eine gewisse Orientierung im Nebel der Gegenwart bietet.

Da listet einer ganz nüchtern die ungeahndeten Sünden auf, die uns einen demokratiegefährdenden Rechtsdrall beschert haben. Europaweit.

“Unsternstunden der Menschheit” – Autor ist Armin Thurnher, der scharfzüngige Publizist und “Falter”-Herausgeber, den auch Radio Vorarlberg und die VN diesbezüglich vor’s Mikrofon gebeten haben.

Die haben mit ihrem anbiedernden Vulgär-Talk nicht nur den demokratischen Diskurs vergiftet.

Der Untertitel “Wie die Welt unerträglich wurde“ zeigt an, wo’s langgeht, und wird damit zum pessimistischen Gegenstück zu Stefan Zweigs “Sternstunden der Menschheit”, einer Novellensammlung, die zeitüberdauernde Leistungen einzelner Protagonisten feierte, die den Lauf der Geschichte verändert haben. Vom versiegelten Zug, in dem Lenin heimlich nach St. Petersburg geschleust wurde, um die russische Revolution anzuführen, bis zu Magellans Weltumsegelung, die das Tor zur Globalisierung öffnete – eine Würdigung heroisch überhöhter Einzeltaten, die der Welt die Zukunft zeigten.

Bei Thurnher kommen die ominösen Entscheidungsträger, die weltverändernde Weichen stellten, nicht so gut weg. Er nimmt vor allem die US-Tech-Oligarchen und Medienmogule ins Visier, unter deren libertär-radikaler Ägide Trump zweimal zum Präsidenten wurde.

Die haben mit ihrem anbiedernden Vulgär-Talk nicht nur den demokratischen Diskurs vergiftet. Drei Sekunden einer Unterschrift können ins Unheil führen – Beispiel: Bill Clinton unterzeichnete die Sektion 230 eines Mediengesetzes und “erklärte damit die großen Tech-Konzerne zu ‚Plattformen‘, nicht zu Medien. Was bedeutete, dass sie für Inhalte, die sie verbreiten, in keiner Weise zur Rechenschaft gezogen werden können.”

Es zählt nur Profit. Alles, “was Reichweite und Umsatz generiert, egal ob und wie sittenwidrig es ist.” Sex sells und Lies übrigens auch. Ein Eldorado für Libertäre.

Zu Recht geißelt Thurnher den “amerikanischen Free-Speech-Fetischismus”, der sogar vom Obersten Gerichtshof gestützt wurde: “Der Schutz von Kindern sei es nicht wert, Erwachsene von Inhalten auszuschließen … Das Internet müsse ein einzigartiges Forum der Redefreiheit bleiben.” Straffrei. Trotz aller genialen Innovationen und praktischen Vorteile der Digitalrevolution wird der Sumpf psychosozialer Kollateralschäden an ganzen Generationen kaum trockenzulegen sein. Denn: “… die Social Media konnten ihre Sofortkultur samt Suchtbindung, Datenklau und Rechtediebstahl erst mit dem Smartphone so richtig entfalten.” schreibt Thurnher. Leider hat er recht, sagt Frau Ammann. Der Kampf geht weiter.

Reinhold Bilgeri ist Musiker, Schriftsteller und Filmemacher, er lebt als freischaffender Künstler in Lochau.