Pfingsten statt Babel

Wie Vielfalt, Widerspruch und Verständigung zu einer Hoffnung für unsere Zeit werden.
Bregenz Pfingsten ist das Fest des Heiligen Geistes. Das mag vielen Menschen heute wenig sagen. Das Konzept der Dreifaltigkeit – Vater, Sohn und Heiliger Geist – wirkt auf manche wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Und doch haben Menschen zu allen Zeiten auf die Hilfe “von oben” vertraut. Wer die Geschichte aus dem Neuen Testament als Antwort auf die viel ältere Geschichte des Turmbaus zu Babel liest, stößt auf faszinierende Gedanken.
Eine der berühmtesten Darstellungen des Turmbaus zu Babel hängt in Wien. Pieter Bruegel der Ältere hat sie 1563 gemalt. Von einer Anhöhe aus überblickt der Betrachter die gigantische Baustelle. Der Turm ragt imposant in den Himmel und wirft einen Schatten über die darunterliegende Stadt. Bruegel hat jedes Detail akribisch festgehalten: Steinmetze, Zimmermänner, Fuhrleute – alle arbeiten fieberhaft. Dies ist die Erzählung einer mythischen Wahnsinnstat. Die Menschen wollen einen Turm bauen, der bis in die Wolken reicht. Aber Gott fährt dazwischen. Warum eigentlich?

Die evangelische Theologin und Philosophin Johanna Haberer hinterfragt die gängige Auslegung, dass Gott die Menschen fürchtete. Die hebräische Fassung des Textes führt zu einer anderen Interpretation. Die Menschen sagen zueinander: “Wohlauf, lasst uns einen Turm bauen!” Sie sprechen nicht zu Gott. “Hier spricht die Menschheit zu sich selbst”, schreibt Haberer in ihrer beliebten Leseanleitung der Bibel. Die Menschen wirken uniform. “Alle sprechen mit einer Lippe”, heißt es im Urtext. Das erinnert an die gleichgeschalteten Aufmärsche in Nordkorea oder die Parteitage der Nazis. Gott mischt diesen bedrohlichen Einheitsbrei auf. Er ist es, “der die Lippen der Menschen vermengt”, schreibt Martin Luther. “Daraus folgen”, so Haberer, “Vielfalt und Widerspruch, aber auch Sprachdifferenzen und Verstehensprobleme.” Der Gott Israels als ein Gott gegen einvölkische Bestrebungen? Diese Lesart gibt zu denken.
Das Neue Testament kehrt die Babel-Geschichte um. In der Pfingsterzählung fährt der Geist Gottes in die verängstigten Apostel. Sie predigen voller Mut vom auferstandenen Gekreuzigten, und alle hören sie in ihrer eigenen Sprache reden. “Die Pfingstgeschichte ist eine Geschichte, die von der Angst zum Mut führt. Von der geduckten Haltung zur aufrechten. Vom Schweigen zum Reden, vom Reden zum vielfältigen Verstehen.” Dieses Verstehen ist anders. Es überwindet sprachliche Unterschiede. Durch den neuen Geist verstehen alle, obwohl sie unterschiedliche Sprachen sprechen. Aus dieser inneren Zuwendung entsteht menschliche Verbundenheit.
Zu Pfingsten wird in den Aposteln ein Geist wirksam, “der die Menschen atmen lässt, sie redend macht, singend und betend, liebend und sorgend”. Johanna Haberer kennt viele solcher Geistmomente: “Wenn ein Neugeborenes zum ersten Mal die Augen aufschlägt und seine Mutter anblickt, als sei es von weit her gekommen. Wenn zwei Liebende miteinander schlafen – und wie die Bibel es formuliert – einander ‚erkennen‘. Wenn ein Sterbender Abschied nimmt und seinen Atem an Gott zurückschickt. Das sind Geistmomente.” Oder wenn Frieden wird, wo es niemand für möglich hielt. Haberer denkt an den 9. Oktober 1989. “Die Menschen schritten in Leipzig den Panzern entgegen, Hand in Hand. Nicht, weil sie sich so gerne mochten, sie hielten einander fest, damit keiner von ihnen zu einem Stein greifen konnte. Und sie brachten die Panzer so zum Stehen, und die gezogenen Waffen schwiegen.” Was für ein Bild für eine Welt, die so nah am Abgrund steht.