Kathrin Stainer-Hämmerle

Kommentar

Kathrin Stainer-Hämmerle

Kommentar: Gebühr statt schlechtem Gewissen

VN / 26.05.2026 • 15:36 Uhr

Der Harvard-Philosoph Michael Sandel beschreibt in seinem Buch „Was man für Geld nicht kaufen kann“ die Folgen von Pönalen für Eltern, die ihre Kinder zu spät von der Betreuung abholen. Wider Erwarten gehen die Verspätungen nicht zurück, sondern nehmen zu. Wer es sich leisten kann, hat kein schlechtes Gewissen mehr. Weder gegenüber der Betreuerin, die nicht pünktlich nach Hause kann oder der Gemeinde gegenüber, die die Mehrkosten zu tragen hat. Vielmehr wandelt der bezahlte Preis die persönliche Verpflichtung in eine ökonomische Bewertungsfrage: Eine halbe Stunde längere Betreuungszeit ist mir 30 Euro wert.

So hoch will die Gemeinde Langen bei Bregenz zukünftig unpünktliche Eltern trotz rechtlicher Bedenken des Landes bestrafen. Eine rein juristische Debatte klärt aber nicht die grundsätzliche Problematik des damit verbundenen gesellschaftlichen Wandels. Sandel argumentiert, dass moderne Gesellschaften von Marktwirtschaften zu Marktgesellschaften geworden sind. In diesen regeln Märkte nicht mehr nur Wirtschaftsgüter, sondern greifen in weitere Lebensbereiche ein, die früher durch andere Normen geprägt waren. Moral, soziale Verantwortung oder Gemeinsinn werden ersetzt durch 30 Euro.

Märkte sorgen aber nicht zwingend für Gerechtigkeit. Ganz im Gegenteil. Wer mehr Geld hat, bekommt einen besseren Zugang zu Gütern und Chancen. Märkte verändern neben der Verteilung von Gütern ebenso deren Bedeutung und Wert. Ich kann mir in Zukunft eine „Überstunde“ der Kindergartenpädagogin kaufen, spontan und ohne Gewissensbisse, ja vielleicht sogar ohne Entschuldigung. Die moralische Norm („Ich sollte nicht zu spät kommen, weil ich anderen schade“) wird durch ein Preisdenken („Ich kann mir die Verspätung leisten“) ersetzt.

Die Geldsumme wird dann nicht mehr als Strafe, sondern als Gebühr betrachtet. Als langfristiger Effekt droht selbst nach Abschaffung der Strafe ein unsolidarisches, rücksichtsloses Verhalten durch die nachhaltige Beschädigung der gesellschaftlichen Normen. Wenn für Reichere leichter bezahlbare Dienstleistungen soziale Verantwortung ersetzen, werden Demokratie und Gemeinsinn korrumpiert. Wer Zusagen macht, sollte dazu stehen – nicht, weil es sich finanziell lohnt, sondern weil es Teil eines funktionierenden Miteinanders ist.

Der Glaube an die Strafe zeichnet den Langener Bürgermeister aus. Wirkungsvoller wäre jedoch, das schlechte Gewissen wegen den Kosten für die Allgemeinheit zu stärken. Persönlich rücksichtsloses Verhalten darf nie von einer Frage der Verantwortung in eine Frage der Zahlungsbereitschaft verwandelt werden. Denn viel zu oft ist etwas nichts wert, wenn es nichts kostet. Viel zu oft glauben wir auf eine von der Politik (= Allgemeinheit) bereitgestellte Dienstleistung ein Anrecht zu haben. Viel zu oft glauben viel zu viele, dass es auf ihr Verhalten dieses eine Mal nicht ankommt. Unabhängig davon, ob sie es sich leisten können.

FH-Prof. Kathrin Stainer-Hämmerle, eine gebürtige Lustenauerin, lehrt Politikwissenschaften an der FH Kärnten.