Zu schön, um wahr zu sein
Ich weiß nicht, ob ihr Soziale Medien habt, ich hab Instagram. Ich nutze es vor allem beruflich, jedenfalls rede ich mir das immer wieder ein, und dann merke ich, wie wieder eine Stunde wie nichts vergangen ist, in der ich mich halb bewusstlos durch meinen Feed aus Tomatenbauern und Hundetrainerinnen, Krafttrainings- und Style-Expertinnen, Bauten aus Holz, sinnlosem Gossip und irrsinnig viel Werbung habe treiben lassen. Ich habe das Gefühl, Instagram macht noch süchtiger als früher, und ich bin jeden Tag froh, dass meine Kinder keine Teenager mehr sind, die man mit allen Mitteln aus dem Internet ins richtige Leben kriegen muss. Mir selber hilft ein Programm, das mir die meisten Stunden am Tag Instagram und andere kreativitätsfressende Websites sperrt, sonst käme ich zu gar nichts mehr.
Es wird auch alles immer fragwürdiger. Kürzlich wieder spülte es mir einen Hundetrainer in meinen Feed, einen gutaussehenden älteren Kerl, gesund verwittert, ein Mann, der offenbar viel Zeit mit seinem Hund in der Natur verbringt. In seinen Posts trägt er gut gealterte Lederjacken und fantastische Strickpullover, während er vor einem schönen alten Haus in der Natur steht und voller Esprit, begeistert gestikulierend und mit leuchtenden Augen wertvolle Tipps zur Erziehung und Ernährung von Hunden gibt. Derweil liegen seine Hunde brav neben ihm oder tollen im Hintergrund herum. Ich sah mir ein paar seiner Beiträge an und fand ihn charismatisch und sympathisch, fast zu gut, um wahr zu sein. Das dachte ich mir plötzlich: Der ist doch zu gut, um wahr zu sein.
Und das brachte mich dazu, mich ein bisschen darauf zu konzentrieren, was so im Hintergrund passiert, während der Mann mit mir spricht, und in einem Beitrag fiel mir dann ein Hund auf, der die ganze Zeit, während der Mann verschiedenste Dinge erzählte, immer an der gleichen Stelle im Kreis lief. Das Haus, den Hund, den tollen Mann: gibt’s alles gar nicht, alles nicht real, alles künstliche Intelligenz. Auch diese gut trainierte Fünfzig-irgendwas-Frau mit den perfekt melierten grauen Haaren, die mir zeigt, wie sie ihre Oberarme so muskulös hinbekommt: Ich glaube, die ist nicht echt. Man kann seinen Augen nicht mehr trauen. Jedenfalls nicht im Internet.
Noch ein Grund, das richtige Leben zu leben. Den Tomaten beim Wachsen zuschauen. Mit der Familie feiern. Mit zwei Freundinnen ins Konzert gehen und das unbeschreibliche Privileg genießen, dass da vorne auf der Bühne ein riesiges Orchester nur für die Leute hier im Saal spielt.
Auch wenn ich weiß, dass ich im Netz immer wieder mit KI zu tun habe: In meiner Arbeit und meinem Alltag bin ich stur und altmodisch und habe noch nie ChatGPT oder Claude und schon gar nicht Grok verwendet. Hier ist garantiert alles echt, auch der Hund im Hintergrund.
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