Wolfgang Burtscher

Kommentar

Wolfgang Burtscher

Kommentar: Anders als man glaubt

VN / 07.06.2026 • 12:30 Uhr

Am Donnerstag wird es ernst mit der Wahl des neuen ORF-Chefs. Bis vor Kurzem galt: alles nach alter, schlechter Tradition ausgeschnapst. Die ÖVP bekommt laut Absprachen in der Regierung den Generaldirektor, die SPÖ vermutlich etwas in der nächsten Führungsebene und den Vorsitz im Stiftungsrat. Dann hat sich die ÖVP nach dem Weißmann-Rücktritt den APA-Geschäftsführer Clemens Pig als Wunschnachfolger ausgesucht. Mit offensichtlicher Sympathie des Kanzlers und von VP-Generalsekretär Marchetti öffentlich zur Kandidatur aufgefordert. Bei der durch die Vorverlegung der ORF-Wahl verkürzten Bedenkzeit erhoffte man sich, dass sich so schnell keine potenten Gegenkandidaten (m/w) finden würden.

Aber hier wie überhaupt, kommt es anders als man glaubt. 77 Bewerbungen, darunter sehr qualifizierte mit bedenkenswerten Konzepten für die ORF-Zukunft. In den am Fließband laufenden Hearings bieten einige eine sehr gute Performance. Markus Breitenecker, zuletzt Vorstandsmitglied von ProSiebenSat.1 Deutschland, will den ORF von einem klassischen Rundfunkunternehmen zu einer digitalen Public-Service-Plattform ausbauen, als Motor für die gesamte heimische Medienlandschaft und als Europas Antwort auf die Dominanz von Google, Meta, Tiktok und Netflix, die viele Werbegelder von allen heimischen Medien absaugen. So wie Breitenecker will der anerkannte Medienmanager Johannes Larcher, mit internationaler Streaming- und Digitalerfahrung, einen Fokus auf jüngeres Publikum legen (das Sender wie den ORF immer weniger konsumiert). Er will den ORF durch konsequente Digitalstrategie, stärkere Kundenorientierung und Einsparungen von 100 Millionen Euro jährlich wieder zu einer modernen Medieninstitution machen. Die ORF-Managerin Lisa Totzauer hat Zukunftsvisionen präsentiert, in deren Mittelpunkt Vertrauen, Information, Digitalisierung und Regionalität stehen. Demgegenüber hat der ÖVP-Wunschkandidat Clemens Pig, der die APA wirtschaftlich gut geführt hat, kein radikales Umbauprogramm präsentiert, sondern ein solides Management- und Vertrauensprogramm, das den ORF digital modernisieren und organisatorisch straffen soll. Solide, nicht mehr, und weniger kreativ als die genannten Konzepte. Pig hat im offensichtlichen Vertrauen auf die Gunst des Kanzlers als APA-Chef bereits gekündigt.

Jetzt kann der Kanzler nur mehr verlieren. Nicken die Stiftungsräte der ÖVP und aus Koalitionsräson jene der SPÖ den Kandidaten Pig ab, ist dieser ein ORF-Chef von des Kanzlers Gnaden, und die ÖVP muss erneut mit dem Vorwurf des Postenschachers leben. Aus dem Wöginger-Urteil nix gelernt. Pig ist durch diese Diskussion jetzt schon beschädigt. Laut Geschäftsordnung müssen die Stiftungsräte ihre Wahl begründen und erklären, warum ihr Favorit geeigneter ist als die anderen Kandidaten (m/w). Das wird angesichts der Qualifikation der anderen Bewerber nicht so einfach. Wählen sie in einem selteneren Anflug von Mut jemand anderen, ist der Kanzler blamiert, die ÖVP blamiert, die SPÖ mit dazu. Wird es also doch noch spannend? Das Profil berichtet, dass schwarze Stiftungsräte dem Kanzler die Gefolgschaft verweigern wollen, und fragt sich, ob rote Stiftungsräte mitziehen, „damit das hintenrum politisch paktierte Personalpaket auch für die SPÖ aufgeht?“ Denn auch diese Untugend hat im ORF Tradition, dass ein Kandidat für den ORF-Chef ein den Regierungsparteien genehmes Personalpaket vorlegt. Laut ORF-Gesetz sind die Stiftungsräte weisungsfrei und in ihrer Tätigkeit unabhängig. Sie sind rechtlich nicht an Vorgaben von Parteien oder der Regierung gebunden. Die jahrzehntelange Praxis beweist das Gegenteil. Lassen wir uns am Donnerstag überraschen!

Wolfgang Burtscher, Journalist und ehemaliger ORF-Landes­direktor, lebt in Feldkirch.