Christian Rainer

Kommentar

Christian Rainer

Studentischer Protest aus besserem Hause

Politik / 29.05.2026 • 12:06 Uhr

Am Mittwoch schaute ich von meiner (privilegierten) Wohnung auf die Wiener Ringstraße, nachdenklicher als sonst. Unten zogen Zehntausende vorbei, Studierende, Lehrende, Rektoren, Betriebsräte, die akademische Republik in sommerlicher Erregung. Auf den Plakaten stand, was immer auf Plakaten steht, wenn gespart werden soll: Bildung ist kein Sparposten. Das stimmt. Und doch fragte ich mich, was sich ein Bauarbeiter denken würde, der seit dem fünfzehnten Lebensjahr hackelt. Oder eine Supermarktkassiererin, der am Monatsende wenig bleibt. Vielleicht dächten sie: Schön ist es schon, für das Privileg zu demonstrieren, studieren zu dürfen.

Universitäten sind wichtig; ein Land, das sie beschädigt, sägt am Dachstuhl. Aber gerade deshalb darf man verlangen, dass sie mehr sind als Lobbyisten ihrer selbst.

Karlheinz Töchterle, früher Rektor in Innsbruck und Wissenschaftsminister, erklärt im „Presse“-Interview Studiengebühren für vernünftig. Das darf man. Wenn er aber als Begründung erzählt, seine Kinder hätten sich diese Gebühren im Sommer selbst verdient, geht mir das G’impfte auf. Das ist die Biedermeierfassung sozialer Gerechtigkeit: Die Kinder des Rektors und Ministers konnten es, also können es alle.

Nein, können sie nicht. Wer aus einem akademischen Haushalt kommt (wie ich), hat eine ungleich bessere Chance auf die Universität als ein Kind aus einem bildungsfernen Haushalt. Noch immer entscheidet Herkunft. Laut Statistik Austria schließen sechs von zehn 25- bis 44-Jährigen, bei denen zumindest ein Elternteil einen Hochschulabschluss hat, ebenfalls eine Hochschule ab. Bei jenen, deren Eltern höchstens Pflichtschule haben, ist es nicht einmal jeder Zehnte. Das ist kein kleiner Unterschied, das ist die höfliche statistische Formulierung einer Klassenfrage.

In der vergangenen Woche habe ich an dieser Stelle über die Drei-Klassen-Medizin geschrieben. Bei der Bildung ist die Klassenordnung leiser, gebildeter, höflicher, aber nicht weniger wirksam. Es ist auch kein Zufall, wer sich ein Orientierungsjahr leisten kann, wer weiß, wie man Professoren anspricht – und wer hingegen wie so viele neben dem Studium kellnern muss, worunter wiederum Erfolg und Fortkommen leiden.

Zwei Drittel der Studierenden arbeiten ohnehin neben dem Studium. Und wer aus einem nichtakademischen Haushalt kommt, arbeitet weit häufiger und länger. Das ist die nüchterne Fußnote zu jener heiteren Anekdote des ehemaligen ÖVP-Politikers, man könne sich Studiengebühren doch im Sommer selbst verdienen.

Seltsam ist auch die Empörung der Universitäten, als könne der Staat bei allen sparen, nur bei ihnen nicht. Eva-Maria Holzleitner, die SPÖ-Ministerin, muss in einem Land budgetieren, in dem Pflege, Schulen, Pensionen, Gesundheit und Gemeinden denselben Satz sagen: Bei uns geht nichts mehr. Die Uni-Budgets haben sich seit 2010 nahezu verdoppelt. Selbst nach Inflation (kumuliert 55 Prozent) bleibt ein immenser Zuwachs. Wer trotzdem jede Dämpfung als Untergang verkauft, klingt wie eine Körperschaft öffentlichen Wehleids.

Natürlich haben die Universitäten recht, wenn sie Planungssicherheit verlangen. Forschung in Dreijahrespanik ist dumm. Aber der Satz, man müsse „wenigstens die Inflation ersetzt bekommen“, ist bemerkenswert in einem Land, in dem viele Menschen die Inflation eben nicht ersetzt bekommen.

Der Staat soll die Universitäten ordentlich finanzieren, aber sich nicht von akademischem Alarmismus hypnotisieren lassen. Wer Bildung verteidigt, muss zuerst jene verteidigen, die gar nicht bis zur Ringstraße kommen.