Reinhard Haller

Kommentar

Reinhard Haller

Kommentar: Alte weiße Männer

VN / 10.06.2026 • 16:48 Uhr

In den heute so heftig geführten Debatten über Gleichberechtigung, Rassismus, Diversität und politische Korrektheit wird ein Kampfbegriff besonders häufig verwendet:  Jener der „alten weißen Männer.“ Mit diesem gesellschaftskritischen Schlagwort, das vor etwa zehn Jahren aus dem amerikanischen Diskurs in den deutschen Sprachraum gekommen ist, sollte eine an alten patriarchalen Strukturen festhaltende Haltung beschrieben werden. Die nicht genau bekannten Urheber wollten wohl auf die über Jahrhunderte gewachsenen Machtansprüche der Männer und die Benachteiligung von Frauen, von jungen und sozial erniedrigten Menschen sowie Minderheiten aller Art hinweisen. Gemeint waren mit „alten weißen Männern“ offensichtlich nicht einfach betagte Herren mit heller Hautfarbe, sondern historisch gewachsene männliche Machtpositionen in Politik, Religion, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und öffentliche Meinung. Soweit so verständlich.

Der Begriff hat aber auch eine andere, nämlich diskriminierende Seite. Er provoziert genau mit jenen Kategorien, die von denselben Agitatoren angeprangert werden, nämlich mit Alter, Hautfarbe und Geschlecht. Dies ist nicht nur herablassend und kränkend, sondern setzt jene Vorurteile, die eigentlich bekämpft werden sollen, gezielt ein. Allein die herumrudernden Erklärungen, was unter dem Schlagwort zu verstehen sei, ist bezeichnend für dessen spaltende und pauschalierende Tendenz. In einer Zeit, in der man an einer Berlin Universität einer Wissenschaftlerin einen Vortrag verboten hat, in dem sie feststellte, dass es biologisch nur zwei Geschlechter gebe, sollte man auf der anderen Seite nicht so etikettierend argumentieren. In dieselbe Richtung geht der Versuch, dem gerade 80-jährig gewordenen Udo Lindenberg den Ausdruck „Oberindianer“ zu untersagen, den er 1983 in seinem genialen Rockklassiker „Sonderzug nach Pankow“ für den damaligen DDR-Staatschef Honecker in schnoddrig-ironischer Weise eingesetzt hat.

Der Ausdruck „alte weiße Männer“ mag pointiert und medienwirksam sein, als Kampfbegriff ist er aber gerade für uns alt Gewordene verletzend. Die notwendige Debatte über gesellschaftliche Missstände sollte Menschen nicht auf ihre  Gruppenzugehörigkeiten reduzieren, sondern Machtprivilegien und mangelnde Diversität konkret anprangern. Auch wenn derzeit zwei alte weiße Männer – gemeint sind Trump und Putin – dem Klischee auf schreckliche Weise entsprechen, ist der dreifach diskriminierende Begriff in der kultivierten Diskussion verzichtbar.

Univ.-Prof. Prim. Dr. Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut
und früherer Chefarzt des Krankenhauses Maria Ebene.