Morgenland – eine Geschichte in zehn Teilen, fünfter Teil
Im Zug nach Hamburg erzählte mir eine Frau die folgende Geschichte:
Und dann die zwei Neugeborenen! Im selben Augenaufschlag ausgeschlüpft. Amir und ich, süß wie türkisch Zucker. Der bekanntlich süßer ist als aller andere Zucker auf der Welt. Das ist Volksweisheit.
Da saßen er und mein Vater in der Küche, und wieder fing es damit an: Ayse und Amir, unser Liebespaar.
Wir wohnten nicht weit auseinander. Der Baustellenleiter hatte auch uns eine Wohnung verschafft. Ein großzügiger Mann. Nicht Türke. Aber ein Mann. Ein guter. Immer wenn er uns besuchte, immer kam er allein, nie mit Frau. Er brachte Geschenke mit. Da saßen er und mein Vater in der Küche, und wieder fing es damit an: Ayse und Amir, unser Liebespaar. Oft brachte er Amir mit. Er und auch mein Vater wollten, dass wir hörten, was sie mit uns planten. Damit wir uns von früh auf an einander gewöhnen und an den Gedanken, dass wir zusammengehören. Amir war schön wie sein Vater, schon mit drei Jahren, das behaupte ich, hatte er seinen charmanten Blick. Mit diesem Blick schaute er mich an. Ich war schon mit drei Jahren in ihn verliebt. Und er doch auch in mich. Und nicht nur, weil sonst keine andere da war. Er fand mich süß. Das hat er zu mir gesagt. Als wir fünfzehn waren auf den Tag genau, sagte er, schon als er drei Jahre alt gewesen sei, habe er mich süß gefunden. Ich sagte, das kann nicht sein, kein Mensch kann sich erinnern, wie er mit drei Jahren war und was er mit drei Jahren gedacht hat. Da sagte er: Da hast du recht, Ayse, an mich kann ich mich auch gar nicht erinnern, aber an dich, und dich fand ich süß. So ist er. Immer noch ist er so.
Ich war hübsch, ja, und vielleicht auch süß, aber nicht halb so schön wie meine Mama. Ich war wild, und mir gefielen alle Spiele mit Amir. Als Kinder waren wir unzertrennlich. Dann in der Pubertät interessierten sich alle Mädchen für Amir, für mich gab es auch Interessenten, jedenfalls flogen wir beiden auseinander. Unsere Väter veranstalteten hartnäckig Treffen, bei denen wir dabei sein sollten, bis wir uns weigerten. Ich gebe zu, ich war verliebt in Amir wegen seiner Schönheit und seinem Charme, und insgeheim dachte ich, wenn er mit einer anderen flirtete, was macht er da, er gehört doch zu mir. Er ging auf eine andere Schule, er war gescheit aber faul, ich fleißig und gescheit. Ich würde es weit bringen. Ich träumte vom Weltall. Dass ich Astrophysikerin werde. Ins Weltall schauen … dreizehn Milliarden Jahre weit … und ich in einem Team von Wissenschaftlern … Ich bin Lehrerin geworden.
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.
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