Kolumne: Und die Tomaten rollen ihre Blätter ein
Ich bin heute spät dran mit meinem Text, die Hitze ist schuld. Es ist so heiß, dass ich um sechs Uhr früh mit dem Hund spazieren gehe, weil es schon um sechs Uhr dreißig nicht mehr auszuhalten ist und man von Bremsen aller Art aufgefressen wird: normale Bremsen, Rossbreama und diese schnellen dreieckigen schwarzen, die einen ohne Not auch im Schatten stechen. Es ist so heiß, dass der Hund nicht wie sonst zehn Minuten nach dem Spaziergang um den nächsten Spaziergang bettelt, sondern im Haus unter dem Tisch liegt und sich nicht bewegt, auch dann nicht, wenn ich mit meiner Wanderhose raschle, die ich normal nur vom Haken zu nehmen brauche, schon kommt der Hund voll freudiger Aufregung angerannt. Aber für die Wanderhose ist es eh auch zu heiß.
Es ist so heiß, dass Hugo ausnahmsweise nicht seine 3-Streifen-Sportkluft trägt, die er sonst immer anhat, bei jedem Wetter und zu jedem Anlass, sondern eine luftige weiße Hose zu einem knielangen weißen Hemd, mit dem er am Wochenende in seinen Bregenzerwälder Töfflern durchs Dorf hölzelte und Aufsehen erregte. Es ist so heiß, dass das Eis im Getränk schmilzt, bevor man einen Schluck gemacht hat.
Es ist so heiß, dass das kleine Stückl Wiese, das ich für das Sommerfest am Wochenende freigemäht hatte, zu einem knusprigen Grillgraskuchen verbacken wurde. Es ist so heiß, dass die Wäsche an der Leine in fünf Minuten trocken ist, man zieht die Bettwäsche ab und eine halbe Stunde später zieht man sie wieder an. Es ist so heiß, dass die Tomaten ihre Blätter einrollen und sich erst am Abend, wenn der Schatten über sie gefallen ist, wieder entspannen.
Es ist so heiß, dass meine mit Eisensand gefüllte Kugelhantel, die ich am Fensterbankl liegen ließ, mit dem Lack vom Fensterbrett verschmolzen ist. Es ist so heiß, dass man sich im Supermarkt übertrieben lang im Gang mit den Milchprodukten aufhält und die Inhaltsdeklaration jeder Käsesorte auswendig lernt. Es ist so heiß, ich musste die Arbeit an dieser Kolumne unterbrechen und mit dem Auto losfahren, um eins der Kinder zu bergen, das auf dem Weg in die Stadt in einem Zug liegen geblieben ist, der wegen hitzebedingter Gleisbeeinträchtigung nicht weiterfahren konnte. Es ist so heiß, dass man sogar im Waldviertel abends kein Jäckle braucht, was normal so gut wie nie vorkommt, aber ab jetzt wohl öfter. Es ist so heiß, dass ältere und kranke Menschen Probleme bekommen, weil es auch nachts nicht mehr abkühlt; Tropennächte in einem alpinen Land. Es ist so heiß, dass die Wälder brennen.
Es ist so heiß, es ist nicht mehr lustig. Und so heiß wird es jetzt immer wieder sein, und immer länger, und wir haben uns das selbst so gemacht.
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