Zwischen Klang und Fantasie

Christine Tabernig schafft Räume, in denen Kinder ihre Stärken entdecken können.
Bludenz Der Raum erinnert an ein Kinderzimmer. Plüschtiere, Puppen und bunte Stoffe sind in Regalen verstaut. An einem Holztisch sitzt Christine Tabernig, eine Frau mit jungen Gesichtszügen, umrahmt von grauen Locken. Ist es ihr Spielzimmer? Der erste Eindruck täuscht nicht – und ist doch falsch. Der Raum ist ein Ort, an dem sich kleine Menschen spielerisch ausprobieren dürfen, an dem Geschichten entstehen. “Kinder sprechen nicht wie Erwachsene über ihre Traumata, ihre Ängste oder die Scheidung der Eltern”, erklärt die 58-Jährige. Mit Rollenspielen hilft sie Kindern, ihre Stärken zu entdecken, Selbstvertrauen zu entwickeln. Sie dürfen Gefühle ausdrücken, Konflikte durchspielen und neue Seiten an sich kennenlernen. Wenn ein schüchternes Kind sich bei ihr etwa ein Löwenkostüm überstreift und plötzlich laut brüllend durch den Raum jagt, schaut Christine nicht nur zu. Sie analysiert, spiegelt und lenkt das Geschehen sanft. In solchen Momenten schlüpfen die Heranwachsenden in Rollen, die ihnen im echten Leben verwehrt bleiben. Sie erproben Macht, verarbeiten Ohnmacht oder inszenieren Konflikte, die sie belasten. “Ihre natürliche Sprache ist das Spiel”, sagt die Expertin, die gerade die Sommer-Rollenspielwoche – ab 27. Juli – in ihrer Praxis vorbereitet.

Dass sie Menschen aufmerksam begleitet, hat mit ihrer eigenen Geschichte zu tun. Aufgewachsen ist sie auf einem Bergbauernhof in Osttirol. Als Älteste von zehn Geschwistern lernte sie früh, zuzuhören und auf andere einzugehen. “Für mich war klar, dass ich Kindergärtnerin werden wollte.” Nach der Hauptschule ging sie auf ihre eigene Reise durchs Leben. Als 14-Jährige begann sie mit einer Ausbildung zur Kindergartenpädagogin in Innsbruck. Sie vertrug das Föhnklima nicht, litt unter starken Kopfschmerzen und erhielt schließlich den Rat, den Bildungsgang abzubrechen. Sie suchte nach anderen Wegen, Kindern und Familien zu helfen. Es folgten verschiedene Ausbildungen, unter anderem zur Familienhelferin.
1988 führte sie ihr Weg nach Vorarlberg, wo sie eine Anstellung bei der Diözese Feldkirch erhielt. Später, nachdem ihre drei Kinder nicht mehr die volle Fürsorge brauchten, durchlief sie verschiedene Stationen in pädagogischen und sozialen Bereichen.

Ihre Neugier und ihr Wissensdurst motivierten sie immer wieder zur Suche nach beruflichen Herausforderungen. Dabei stieß Christine auf die Tomatis-Methode – und war fasziniert von dem Ansatz, über das Hören Wahrnehmung, Konzentration und emotionale Entwicklung zu fördern. Über speziell gefilterte Musik und gezielte Hörübungen werden Sprache, Lernen und das emotionale Gleichgewicht unterstützt. Sie ließ sich zur Tomatis-Trainerin ausbilden und startete 2010 in eine Teilselbstständigkeit.
Ihr Angebot ergänzte die warmherzige Frau später unter anderem als Rollenspielexpertin. Mehr und mehr begeisterte sie sich für kreative und spielerische Methoden in der Begleitung von Kindern und Familien. Um diese Ansätze frei verwirklichen zu können, folgte 2023 als logische Konsequenz der Schritt in die volle Selbstständigkeit. “Mut gemacht haben mir meine Erfahrungen und mein zweiter Mann Adi.” In ihrem Zuhause in Außerbraz richtete sich die dreifache Mutter und Oma ihre Praxis ein.

Christines Wirken basiert auf ihrer Liebe zu den Menschen, zur Natur und zu lebenslangem Lernen. Zurzeit absolviert sie eine Ausbildung zur Lebens- und Sozialberaterin. Und bleibt das, was sie ist: eine Begleiterin, die sich Zeit nimmt und den Menschen achtsam begegnet. JH
ZUR PERSON
CHRISTINE TABERNIG
GEBOREN 30. Mai 1968 in Lienz
WOHNORT Außerbraz
BERUF zertifizierte Tomatis-Trainerin und Rollenspielexpertin
FAMILIENSTAND verheiratet
HOBBYS Familie, Kreatives, Wandern und Gärtnern
KONTAKT www.hoeren-horchen.at