Oper wie ein Traum aus Wasser, Licht und Erinnerung

VN-Interview mit dem Regisseur von “La traviata”, Damiano Michieletto.
bregenz Für seine Bregenzer „Traviata“ nutzt der italienische Regisseur Damiano Michieletto die Seebühne als poetischen Raum zwischen Landschaft, Spektakel und innerem Drama.
Sie verlegen La traviata in die 1920er Jahre. Was hat Sie an dieser Epoche besonders gereizt?

Michieletto Die Roaring Twenties stehen für Vergnügen, Überfluss und Wohlstand. Teilweise habe ich mich von F. Scott Fitzgeralds Roman The Great Gatsby inspirieren lassen. Die Welt von La traviata ist eine Welt nächtlicher Feste, in der der Champagner in Strömen fließt, ohne dass jemand an den nächsten Tag denkt. Es ist ein Umfeld der Lust, der Zerstreuung und der Unterhaltung. Selbst am Ende der Geschichte, wenn Violetta stirbt, hört man draußen vor dem Fenster noch die Rufe und Geräusche der Stadt, voller Leben und Feierlaune. Dieser Kontrast zwischen Tod und Lebensrausch scheint mir für diese Oper sehr charakteristisch. Außerdem mag ich die Kostüme der 1920er Jahre sehr, weil sie einerseits eine klassische Note haben können und zugleich sehr exzentrisch wirken.
Inwiefern verändert dieses Setting unseren Blick auf Violetta und ihre Geschichte?
Michieletto Ich sehe Violetta gern als gequälte Frau, als Opfer ihrer eigenen Exzesse. Sie ist eine Frau, die sich prostituiert, die ihren Körper für Geld verkauft und deren Körper sie langsam im Stich lässt. Zu Beginn der Aufführung sieht man sie vor einem Spiegel, während sie Medikamente einnimmt. Alle Zeichen der heraufziehenden Krankheit sind bereits vorhanden. Später wird dieser Spiegel zerbrechen und damit auch ihr eigenes Bild zerstören. Diese symbolische Setzung spiegelt Violettas Entwicklung, ihre Obsessionen und ihre Einsamkeit.

Die Seebühne verlangt nach großen Bildern. Wie gelingt Ihnen die Balance zwischen Spektakel und Intimität?
Michieletto Das Spektakel ist bei einer Produktion dieser Art wesentlich. Zugleich ist La traviata eine sehr intime Oper. Wir haben Filme gedreht, die Rückblenden und sehr genaue Einblicke in Violettas Leben ermöglichen, als stünden wir neben ihr und könnten sie aus nächster Nähe beobachten. Diese Filme erlauben es uns, die Erzählweise zu variieren und das Bühnengeschehen mit der Erinnerung an Vergangenes zu verbinden. Ich bin überzeugt, dass selbst auf einer großen Bühne die Sorgfalt und Genauigkeit des Spiels das Publikum erreichen, wenn die Inszenierung Balance und Zurückhaltung wahrt. Auch bei einer großen olympischen Zeremonie kann man die Details einer einzelnen Darstellung wahrnehmen, und selbst in einem großen Theater wie Epidaurus bleiben kleinste Einzelheiten erkennbar. Deshalb bin ich überzeugt, dass auch auf der Bregenzer Bühne Intimität möglich ist.
La traviata lebt stark von inneren Konflikten. Wie machen Sie diese auf einer so weiten Bühne erfahrbar?
Michieletto Eine große Bühne kann die Kraft der Gefühle noch verstärken. Für mich ist sie eher eine Möglichkeit als eine Einschränkung. Entscheidend ist, den Raum nicht mit zu vielen Elementen zu überladen, sondern in den ästhetischen Zeichen, mit denen die Geschichte erzählt wird, eine gewisse Wesentlichkeit zu bewahren. Der innere Konflikt von La traviata wird auch durch das sichtbar, was im Bühnenbild erscheint, denn in der Oper verbinden sich alle Ausdrucksformen zu einer einzigen Erzählung.
Welche Rolle spielen Film, Video und symbolische Bilder in Ihrer Inszenierung?
Michieletto Die Filme, die wir gedreht haben, sind sehr wichtig, um Violettas menschliche Situation zu zeigen, aber auch ihre Träume, Hoffnungen und Illusionen. Im Finale etwa entsteht ein Gegensatz zwischen dem Leid, das Violetta gerade erlebt, und dem, was einst ihre Erwartungen und Hoffnungen waren. Während sie „Addio al passato“ singt, sehen wir gewissermaßen die Vergangenheit selbst und all das, was sie erreichen wollte, ohne es je erreichen zu können.

Die 1920er Jahre stehen für Exzess und Oberfläche. Wo liegt in Ihrer Lesart die Bruchstelle dieser Welt?
Michieletto Der Bruch entsteht in dem Moment, in dem der Wunsch nach Freiheit und Vergnügen zugleich zu einer Form der Flucht wird. Nach dem Trauma des Krieges versucht die Gesellschaft, ihren Schmerz durch Unterhaltung, Konsum und Exzess zu vergessen. Unter der Eleganz und dem Charme dieser Welt spürt man jedoch ein tiefes Unbehagen. Beziehungen werden fragiler, Identität bindet sich immer stärker an Erscheinung, und gesellschaftlicher Erfolg ersetzt nach und nach stabilere, gemeinsam geteilte Werte. Es ist eine Gesellschaft, die sich lebendig und modern zeigen will, die aber oft Stille, Verletzlichkeit und Erinnerung fürchtet. Nach dem Ersten Weltkrieg werden die 1920er Jahre zu einem Symbol: Jazz, Werbung, Geschwindigkeit, Mode, Körper, Geld, Spektakel. Das sind nicht bloß Zeichen von Oberflächlichkeit, sondern auch eine traumatische Reaktion auf den Massentod. Jetzt leben, weil die Zukunft nicht mehr gewiss ist.
Violetta sucht nach einem „echten“ Leben. Ist sie für Sie eine tragische Figur oder eine moderne Heldin?
Michieletto Für mich ist sie eine tragische Figur, verbunden mit einem Konflikt mit der männlichen Vaterfigur, wie es bei Verdi so oft der Fall ist. Hier ist es Alfredos Vater. In anderen Opern kann es Gildas Vater in Rigoletto sein oder Aidas Vater. Diese Vaterfiguren zerstören am Ende immer das Schicksal ihrer Kinder. Violetta opfert sich, und in diesem Sinn ist sie eine Heldin. Doch ihr Opfer bringt niemandem Glück, weshalb am Ende die Tragödie der Einsamkeit steht. Violetta ist gewiss eine tragische Figur, aber gerade deshalb erscheint sie auch so gegenwärtig. Ihre Tragödie entsteht nicht nur aus Schicksal oder Krankheit, sondern aus dem Wunsch, in einer Gesellschaft wahrhaftig zu leben, die ihr nur vorgegebene Rollen zugesteht. Violetta sucht ein „wahres“ Leben, gegründet auf aufrichtiger Liebe und einer inneren Freiheit, die über gesellschaftliche Konventionen hinausgeht. In diesem Sinn ist sie eine moderne Heldin: Sie ist sich ihrer selbst bewusst, sie stellt die Welt um sich herum infrage, und sie versucht, ihr eigenes Schicksal zu wählen, selbst wenn der Preis sehr hoch ist. Ihre Stärke liegt in ihrer Klarheit. Sie weiß, dass sie verurteilt wird. Sie weiß, dass die Gesellschaft ihr kaum je erlauben wird, ihre Identität wirklich zu verändern. Und dennoch sucht sie weiter nach Wahrhaftigkeit und Würde. Gerade diese Spannung zwischen dem Wunsch nach Freiheit und der Unmöglichkeit, sie vollständig zu verwirklichen, macht sie so zeitgenössisch. Deshalb erkennen sich die Zuschauerinnen und Zuschauer bis heute in ihr wieder: nicht nur als Opfer gesellschaftlicher Konventionen, sondern als Frau, die darum kämpft, sich selbst gegen den Blick und die Erwartungen der anderen zu behaupten.

Was kann La traviata einem heutigen Publikum über gesellschaftliche Moral und Freiheit erzählen?
Michieletto La traviata spricht noch immer zu einem heutigen Publikum, weil die Oper einen Konflikt ins Zentrum stellt, der nie verschwunden ist: den Konflikt zwischen individueller Freiheit und gesellschaftlicher Moral. Violetta Valéry versucht, nach ihren eigenen Wünschen und Gefühlen zu leben, in einer Gesellschaft, die Menschen stärker nach ihrem Ruf beurteilt als nach ihrer Menschlichkeit. Freiheit wird in dieser Oper nie vollständig erreicht. Violetta versucht, sich für eine aufrichtige Liebe zu entscheiden, doch sie wird gezwungen, sich zu opfern, um die Ehre und das Bild einer bürgerlichen Familie zu bewahren. Darin zeigt sich, dass Gesellschaft Freiheit oft nur so lange akzeptiert, wie sie ihre tieferen Regeln nicht infrage stellt.

Sie sprechen von einem Traum, in Bregenz zu inszenieren. Was macht diesen Ort für Sie künstlerisch einzigartig?
Michieletto Die Bregenzer Festspiele sind für mich ein einzigartiger künstlerischer Ort, weil sie Oper in eine totale Erfahrung verwandeln, in der Musik, Naturraum und szenische Fantasie auf unverwechselbare Weise miteinander verschmelzen. Die große Bühne auf dem See schafft ein besonderes Verhältnis zwischen Aufführung und Landschaft: Wasser, Licht, Himmel und wechselnde Wetterbedingungen werden zu einem lebendigen Teil der Inszenierung. Es ist nicht einfach ein Freilufttheater, sondern ein Raum, in dem Bühnenbild, Darstellerinnen und Darsteller und sogar das Publikum mit der Natur selbst in einen Dialog treten. Was Bregenz so faszinierend macht, ist auch die bildnerische Kühnheit seiner Produktionen. Jede Inszenierung vermag monumental zu sein, ohne an emotionaler Intensität zu verlieren. Für einen Regisseur bedeutet das, groß denken zu können und zugleich nach Bildern zu suchen, die das Publikum unmittelbar und persönlich ansprechen. Dort zu inszenieren ist deshalb nicht nur eine technische Herausforderung, sondern auch eine poetische Möglichkeit: eine Oper zu schaffen, die direkt aus der Landschaft hervorzutreten scheint, fast wie ein gemeinsamer Traum, schwebend zwischen Wirklichkeit und Vorstellung.