Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Streiflicht: Wie es Euch gefällt

VN / 04.08.2026 • 16:43 Uhr

Gestern gab es Shakespeare in den Bregenzer Seeanlagen – gratis und ganz ohne Worte. Die Bühne war der Radweg. Den melancholischen Jacques gab ein flotter Mitfünfziger. Das Stück? „Wie es Euch gefällt.“ Die Worte sind berühmt: „Die ganze Welt ist Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler.“ In sieben Schritten führt Jacques sein Publikum durch ein Menschenleben: Vom Kleinkind über den verwöhnten Balg, den verliebten Gockel, den rauflustigen Soldaten, den schmerbäuchigen Beamten, sodann den hageren Alten, der noch immer jugendlicher Held sein möchte, bis hin zum zahnlosen Greis, in die zweite Kindheit. So weit Shakespeare. Aber es geht auch nonverbal.

Der Mann entriegelte den Scooter mit kindlichem Vergnügen. Seine gebräunten Beine ragten aus kurzen weißen Shorts. Als wäre er wieder 15, setzte er den Roller mit coolem Hüftschwung in Betrieb. Achtete der Fußgänger und Radfahrer nicht, weil zwei schlendernde Schönheiten seine Aufmerksamkeit fesselten. Raubte zwei Senioren rücksichtslos die Vorfahrt. Wurde dann doch müde und ließ ein ansehnliches Bäuchlein blitzen. Dennoch flirtete er mit einer Radlerin auf Augenhöhe. Aber nur kurz: Der Randstein war im Weg. Er strauchelte, fing sich gerade noch, stand. Wackelig, gar nicht elegant, aber sichtbar verärgert. Diese verflixte zweite Kindheit! Sie ist beschwerlich. Shakespeare wusste das.

Die Inszenierung gab’s gestern ganz ohne Eintritt, aber mit vollem Körpereinsatz. Alle Lehren inklusive. Aber Gott sei Dank nicht „ohn’ Augen, ohne Zahn, Geschmack und alles“, wie Shakespeare schließt. Da hatte der Regisseur ein Einsehen.