Wir sind dann Helden

„Low“, „Heroes“ und „Lodger“: Vor 50 Jahren begann David Bowies Berliner Zeit.
berlin Im August 1976 verlegte David Bowie seinen Lebensmittelpunkt nach West-Berlin. Der britische Popstar, damals 29 Jahre alt, suchte vor allem eines: Abstand. Nach Jahren des Erfolgs, rastloser Arbeit und massiven Drogenkonsums hoffte er in der geteilten Stadt auf jene Anonymität, die ihm London oder Los Angeles längst nicht mehr bieten konnten. Berlin mit seinen Ruinen, Brachen und der allgegenwärtigen Mauer wurde für Bowie zu einem Ort des Rückzugs und zugleich zu einem künstlerischen Neubeginn. Die Wahl wirkte durchaus paradox. West-Berlin galt Mitte der 1970er-Jahre keineswegs als drogenfreie Insel, vielmehr war die Stadt berüchtigt für ihre Heroinszene. In Bowies Berliner Jahren spielte sich auch jene Jugendgeschichte ab, die später durch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ bekannt wurde. Christiane F. probierte im April 1976, als 13-Jährige, erstmals Heroin, ausgerechnet bei einem Bowie-Konzert in der Deutschlandhalle. Der Auftritt wurde später auch zu einer Schlüsselszene der Verfilmung von 1981.

Bowie war von Berlin allerdings schon lange fasziniert. Er interessierte sich für Bertolt Brecht und Kurt Weill, für die Expressionisten der Künstlergruppe Brücke und für Christopher Isherwoods Geschichten aus dem Berlin der Zwischenkriegszeit. Gleichzeitig verfolgte er aufmerksam die neue deutsche Musik. Bands wie Kraftwerk, Neu! und Tangerine Dream, dazu Produzenten wie Conny Plank, zeigten ihm, wie radikal sich Rock und elektronische Klänge verbinden ließen. Hinter Bowie lagen zu diesem Zeitpunkt extrem produktive Jahre. 1973 hatte er seine Kunstfigur Ziggy Stardust öffentlich zu Grabe getragen, anschließend in kurzer Folge „Diamond Dogs“, „Young Americans“ und „Station to Station“ aufgenommen, mit John Lennon den Hit „Fame“ geschrieben, Nicolas Roegs Film „Der Mann, der vom Himmel fiel“ gedreht und eine mehr als 60 Konzerte umfassende Tournee absolviert. Bowie war erfolgreich, erschöpft und gesundheitlich angeschlagen.
Berlin-Trilogie
Zunächst wohnte er einige Wochen bei Edgar Froese von Tangerine Dream in Schöneberg. Später zog er in eine Altbauwohnung in der Hauptstraße 155. Dort lebte anfangs auch Iggy Pop, ehe dieser eine eigene Wohnung im selben Haus bezog. Bowie half seinem Freund bei „The Idiot“ und „Lust for Life“, während er zugleich an seiner eigenen musikalischen Neuerfindung arbeitete. Auch in Berlin blieb Bowie umtriebig. Er besuchte das Brücke-Museum, fuhr zum Wannsee, ging ins Café „Anderes Ufer“ und ins Travestiecabaret „Chez Romy Haag“. Mit dessen Gründerin Romy Haag verband ihn zeitweise eine intensive Beziehung. 1978 spielte er zudem in „Schöner Gigolo, armer Gigolo“, Marlene Dietrichs letztem Film, ohne ihr bei den Dreharbeiten allerdings zu begegnen. Untrennbar verbunden ist die Berliner Zeit mit der sogenannten Berlin-Trilogie aus „Low“, „Heroes“ und „Lodger“. Tatsächlich entstand allerdings nur „Heroes“ vollständig in Berlin. Entscheidender als der Aufnahmeort war jedoch die Atmosphäre der Stadt. In den Hansa Studios nahe der Mauer und des damaligen Todesstreifens entwickelte Bowie gemeinsam mit Brian Eno und Produzent Tony Visconti einen kühlen, experimentellen Klang, der seine Karriere neu definierte.