„Ich arbeite mehr als vorher“: von der Eventmanagerin zur Hüttenwirtin

14 Jahre lang bei den Bregenzer Festspielen – heute auf der Emser Hütte. Nicole Speckle führt ein Leben zwischen Kuchenbacken und Bergtouren.
Hohenems Nicole Speckle schätzt die Ruhe am Morgen. Um 6 Uhr geht sie mit ihren Hunden Emma und Bella spazieren und trinkt ihren ersten Kaffee. „Es herrscht eine absolute Ruhe am Morgen. Da hörst du nichts.“ Zwei- bis dreimal pro Woche wandert sie 50 Minuten zum Sonnenaufgang auf die Hohe Kugel. Seit drei Jahren ist Nicole Speckle (48) Hüttenwirtin der Emser Hütte.


14 Jahre lang arbeitete sie als Projektleiterin bei den Bregenzer Festspielen und machte sich danach mit einer eigenen Eventagentur selbstständig, doch Speckle wollte schon immer in die Gastronomie. Für sie kam entweder ein Café oder eine Hütte infrage, wo sie ihre Leidenschaft fürs Backen ausleben kann. Um 5 Uhr steht sie auf und stellt die Kuchen fertig, die sie am Vorabend vorbereitet hat. „Ich arbeite mehr als vorher“, sagt sie. Während der Zwischensaison im November und April hat sie insgesamt acht Wochen Urlaub. Im Winter hat die Hütte nur am Wochenende geöffnet – vorausgesetzt, die Quelle friert nicht wie im Februar zu. Jetzt im Sommer hat sie ebenfalls Probleme mit dem Wasser. Die zwei Quellen sprudeln nicht mehr.


Genug Gründe
Bei ihrem Vorgänger Manfred Marinelli war sie bereits als Aushilfe tätig. „Die Stammgäste kannten mich, die Hütte ist gut gelegen und hat auch im Winter offen.“ Gründe genug für Nicole Speckle, die Hütte zu übernehmen, nachdem Manfred Marinelli und seine Frau in Pension gegangen waren. In ihrem Team arbeiten drei Nepalesen. „Wir leben hier wie eine Familie“, sagt sie. „Abends wird gespielt.“


60 Prozent ihrer Gäste sind Biker, 40 Prozent Wanderer. Es gibt sieben verschiedene Wege zur Emser Hütte. Der kürzeste dauert 30 Minuten und führt von Ebnit oder Millrütte aus zur Hütte. Die Emser Hütte gehört den Naturfreunden Hohenems und verfügt über 28 Schlafplätze. Familien mit Kindern und Weitwanderer, die „min weag“ gehen, kommen hier vorbei.

Zu Besuch bei anderen Hüttenwirten
Von Mittwoch bis Sonntag ist Nicole Speckle auf der Emser Hütte. Montag und Dienstag geht sie selbst wandern, macht Biketouren oder besucht andere Hüttenwirte. „Ich bin liebend gern Gast und tausche mich mit anderen Hüttenwirten aus.“ Kürzlich hat sie eine Bike-&-Hike-Tour auf den Piz Buin gemacht. „Der stand schon lange auf meiner To-do-Liste.“ Einmal wollte sie schließlich auf dem höchsten Berg Vorarlbergs stehen. An den beiden Ruhetagen muss Nicole Speckle aber ebenfalls arbeiten: Müll entsorgen, Lebensmittel einkaufen und die Buchhaltung erledigen. „Ich freue mich auf Sonntagabend, wenn ich heimfahre, freue mich aber auch, wenn ich am Mittwoch wieder hinauffahre.“ Sie brauche die Talluft, „aber zwei Tage im Tal reichen mir“.

Nicole Speckle ist besser bekannt als Hüttenhexe. „Mein Lieblingsbuch war damals ‚Die kleine Hexe‘. Als Kind wurde ich schon so genannt, weil ich orange Haare gehabt habe.“ Und auch jetzt hat sie orange Haare – ihr Markenzeichen. „Ich bin ein bunter Vogel“, sagt sie. Ihre Arme zieren bunte Tattoos, die die Berge und die Hütte widerspiegeln.


Lustige Erinnerungen
An den Herbst 2023, ihren Start auf der Emser Hütte, erinnert sie sich besonders gerne. „Da hatten wir acht Wochen einen goldenen Herbst. Kein Regen, nur Sonne und eine Bombenstimmung.“ Auch viele Gäste bleiben ihr in Erinnerung, etwa jene, die von ihrem Leben erzählt haben. Besonders lustig fand sie die Begegnung mit einem Gast, der mit einem Koffer angereist war. Im Matratzenlager fragte er, wo der Kleiderschrank sei, um seine Kleidung aufzuhängen. Einige Gäste übernachten zum ersten Mal auf einer Hütte. Das sei eine „ganz neue Erfahrung“ für sie. Während viele Übernachtungsgäste aus Deutschland kommen, sind die Tagesgäste überwiegend Einheimische.
