„Ich wollte immer leben, aber nicht so“: Sophias langer Kampf gegen die Essstörung

Essen wurde zum Ventil, Sport immer mehr zum Zwang. Lange hielt Sophia ihre Essstörung geheim. Schließlich erreichte sie einen Punkt, an dem sie wusste: So konnte sie nicht weiterleben.
Schwarzach „Eine Essstörung hat nichts mit Essen zu tun. Man stillt damit keinen Hunger, sondern betäubt sich.“ Sophia (Name von der Redaktion geändert) leidet an einer Form der Bulimie, bei der sie Essattacken nicht durch Erbrechen kompensiert, sondern durch exzessiven Sport.
Bis zu vier Stunden täglich trainierte sie. Je extremer der Essanfall, desto härter die „Bestrafung“. Sophia eiferte einem Idealbild nach, das ihr bereits im Kindesalter vorgelebt wurde: je schlanker, desto besser.
Sophia war Leistungssportlerin im Kunstturnen. Mit zwölf Jahren empfahl ihr Trainer eine Diät – obwohl sie rund 30 Stunden pro Woche trainierte. Auch ihre Eltern achteten darauf, dass Sophia schlank blieb. Zucker war tabu. Eine unbeschwerte Kindheit kannte sie nicht. Statt Liebe und Fürsorge bekam sie nur Leistungsdruck zu spüren. Das Kunstturnen, das ihr anfangs Freude bereitete, wurde zunehmend zum Zwang. „Mein Potenzial war für mich der Stoß in die Hölle.“

Mit 16 Jahren beendete sie ihre Leistungssportkarriere und verlor dadurch ihr Selbstwertgefühl. „Dann ist es erst richtig ausgebrochen. Ich hatte meine Identität komplett verloren“, erzählt sie. Essen wurde für sie zum Ventil. Sie nahm zu, Suizidgedanken kamen auf. Vor ihrer Familie hielt sie ihre Essstörung geheim.
Noch nicht bereit für Hilfe
Durch ihren Ex-Freund entwickelte sie ein normaleres Essverhalten und nahm ab. „Ich bin aber nie aus der Spirale herausgekommen und habe mich immer zu dick gefühlt. Ich konnte mich nie so annehmen, wie ich bin.“ Während der Corona-Pandemie verschlechterte sich ihre Situation deutlich. Sie begann eine Psychotherapie, brach diese jedoch wieder ab. „Ich war einfach noch nicht so weit“, sagt sie rückblickend.
Nach dem Jobwechsel verspürte sie wieder großen Leistungsdruck, was 2023 in eine Sportbulimie mündete. „Ich war so unglücklich, dass ich meine Gefühle über den Sport kompensiert habe.“ Trotz Vollzeitjob trainierte sie täglich mehrere Stunden. „Ich hatte viel zu wenig Fett und habe gelebt wie ein Bodybuilder.“
Anfang 2025 brach sie zusammen. „Ich war nur noch eine Hülle, die funktioniert hat. Ich war komplett leer.“ Anfangs hatte sie alle drei bis vier Wochen Essanfälle, später bis zu zweimal pro Woche. Während einer Essattacke stopfte sie enorme Mengen an Süßigkeiten in sich hinein, bis ihr übel wurde. Am nächsten Morgen fühlte sie sich „einfach durch“, schlimmer als nach einem Kater. „Die Essstörung frisst dich innerlich auf“, sagt Sophia, die sich „in Grund und Boden geschämt“ hat.
Tiefpunkt erreicht
Sie suchte einen Psychiater auf, der eine mittelschwere Depression diagnostizierte. Aufgrund akuter Suizidgefahr sollte sie bis Jahresende im Krankenstand bleiben. Doch dann begann sie gegen den ärztlichen Rat wieder zu arbeiten. Im November 2025, als sie ihren Tiefpunkt erreicht hatte, entschied sie sich für einen sechswöchigen Klinikaufenthalt in Spanien.
„Ich wollte immer leben, aber nicht so, wie ich gelebt habe.“ Ohne Klinik, sagt sie, hätte sie ihren Lebenswillen verloren. „Ich habe nicht für mich gelebt und nicht auf mich gehört.“ In der Therapie arbeitete sie ihr Kindheitstrauma auf, das eng mit der Essstörung verknüpft ist.
Die Essstörung werde sie ein Leben lang begleiten. „Essgestörte sind drei- bis fünfmal täglich mit ihrer Sucht konfrontiert. Das ist schwer, in den Griff zu bekommen.“ Sie isst drei Mahlzeiten am Tag und einen Snack. Auch heute vermeidet sie sogenannte Trigger-Foods zu Hause. Wenn der Drang zur Essattacke kommt, nimmt sie sich bewusst Zeit zur Reflexion. Sie spürt sich wieder. „Ich lebe jetzt mein zweites Leben“, sagt sie selbstbewusst.