Goldener Löwe für eine unbequeme Frauenrolle

Kultur / 13.09.2026 • 10:34 Uhr
Goldener Löwe für eine unbequeme Frauenrolle
May el-Toukhys Sieg ist ein Plädoyer für ein Kino, das sich einfachen politischen Botschaften verweigert.AFP

Regisseurin May el-Toukhy hat für “Woman Unknown” den Hauptpreis in Venedig gewonnen.

Venedig Sie war die einzige Solo-Regisseurin im diesjährigen Wettbewerb – und nimmt nun den Goldenen Löwen der Filmfestspiele mit nach Hause. Die dänische Regisseurin May el-Toukhy hat für “Woman Unknown” den Hauptpreis in Venedig gewonnen. Nicht nur sie, auch die Jurypräsidentin Maggie Gyllenhaal kritisierte die strukturelle Ungleichheit in der Filmbranche, in der noch immer viel mehr Filme von Männern zu sehen sind.

Sie sei es leid, immer wieder über dieses Ungleichgewicht zu sprechen, werde es aber weiterhin tun, sagte Gyllenhaal nach der Preisverleihung. Nun wolle sie aber “einfach nur einen brillant inszenierten Film würdigen, der auf mich wie ein Laserstrahl gewirkt hat”.

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May el-Toukhys Sieg ist ein Plädoyer für ein Kino, das sich einfachen politischen Botschaften verweigert. Denn “Woman Unknown” erzählt zwar von der Unterdrückung und Unsichtbarkeit von Frauen, sucht aber nicht nach einer eindeutigen Opfer-Täter-Erzählung. Im Zentrum steht eine junge Dänin, die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg vor der Hochzeit mit ihrem wohlhabenden Arbeitgeber steht. Ihr greifbar naher gesellschaftlicher Aufstieg wird jedoch durch ein Geheimnis bedroht: Während der Besatzungszeit hatte sie eine Affäre mit einem deutschen Soldaten. In der Hauptrolle ist Mathilde Arcel zu sehen, die auch den Preis für die beste Schauspielerin erhielt.

Nach dem Ende der deutschen Besatzung kam es in Dänemark zu gewaltsamen Racheaktionen der Bevölkerung gegen Frauen, die Beziehungen zu deutschen Soldaten unterhalten hatten. Die junge Frau im Film setzt alles aufs Spiel, um ihre mühsam aufgebaute Existenz vor der Entlarvung zu schützen.

20 Wettbewerbsfilme

An nur einem der übrigen 20 Wettbewerbsfilme war eine weitere Frau beteiligt: Rachel Szor, die gemeinsam mit Yuval Abraham den Dokumentarfilm “NAZA” gedreht hat. Die beiden gewannen für ihr Werk über das militärische Vorgehen Israels im Gaza-Krieg den Spezialpreis der Jury. Schon bei der Premiere wurde deutlich, welche politische Wucht der Film entfalten würde: Rund 25 Minuten lang applaudierte das Publikum – eine Rekordlänge. “NAZA” wirft einen Blick auf das mutmaßliche System hinter der Kriegsführung des israelischen Militärs.

Bei der Preisverleihung entlud sich die politische Wirkung von “NAZA” noch einmal: Als Szor und Abraham ihren Preis entgegennahmen, stand das Publikum erneut auf und applaudierte lange. Die beiden israelischen Filmemacher nutzten die Bühne für Kritik nicht nur an der israelischen, sondern auch an der italienischen und der deutschen Regierung.

Goldener Löwe für eine unbequeme Frauenrolle
Rachel Szor hat gemeinsam mit Yuval Abraham den Dokumentarfilm “NAZA” gedreht. AFP

Das Kino zeigte sich in Venedig in diesem Jahr auf ganz verschiedene Arten besonders politisch. Der aus Russland stammende Regisseur Ilja Chrschanowski, der inzwischen in Berlin und London lebt, wurde für “Dau” mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet. “Dau” handelt von einem Physiker, der in die Fänge des totalitären Sowjetsystems gerät und gegen seinen Willen am Bau der Atombombe mitwirken muss.

Die zweitwichtigste Auszeichnung des Festivals – der Große Preis der Jury – ging an das poetische Sozialdrama “Possible Love” des südkoreanischen Regisseurs Lee Chang-dong. Sein Drama erzählt von zwei Ehepaaren in Südkorea, die in völlig unterschiedlichen sozialen Sphären leben. Der fast dreistündige Film ist eine Reflexion darüber, welche Macht der filmische Blick hat. Dabei geht es auch um die Frage, wer wen beobachtet, wer die Perspektive bestimmt und wer darüber entscheidet, welche Geschichten erzählt werden können. Es sind Fragen, die über allen Gewinnerfilmen dieses Festivals schweben.