Streiflicht: Im Takt der Zeit
„Früher hatte der Lehrer immer recht.“ Die alte Dame spricht mehr zu sich. Sie hat selbst einmal unterrichtet. Das ist lange her. Jetzt sitzt sie am Fenster und sieht dem Wind zu, der welke Blätter vor sich hertreibt. Ihr Milchkaffee ist kalt geworden. Den Marmorkuchen hat sie nicht angerührt. In letzter Zeit verliert sie sich öfter. Dann vergisst sie, was vor ihr liegt, und die Gedanken wandern.
Ihre Enkeltochter rückt den Fußschemel zurecht und zieht ihr behutsam die Hausschuhe von den müden Füßen. Auf einem alten Foto an der Wand sitzen Volksschülerinnen in Reih und Glied mit Zöpfen und Schleifchen im Haar. Die junge Lehrerin steht kerzengerade rechts außen und blickt angestrengt in die Kamera. So sah das aus in der Zeit, als die Lehrer immer recht hatten.
„Früher war alles einfacher.“ Das ist der zweite Satz, den sich die alte Dame abringt, für heute der letzte. Dann verschleiert sich ihr Blick. Die Augen der Enkelin wandern zum Handydisplay. Es mahnt blinkend zum Aufbruch. Sie muss heute noch so viel erledigen. Ihr ganzer Tag scheint nur aus „Müssen“ zu bestehen, und nichts davon ist einfach. Und wer recht hat? Das ändert sich im Sekundentakt. Wie das Pendel der alten Standuhr schlägt: Hin und zurück.
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