Zwischen Plagen und Promille

“under the influence” ab kommenden Donnerstag im Theater KOSMOS.
Bregenz Es regnet Blut in den Lichthof, doch niemand erschreckt sich mehr. Zuletzt waren es Würmer, davor getragene Sportsocken, einmal sogar Mundgeruch. Die drei Frauen, die im siebten Stock eines grauen Wohnhauses Wand an Wand leben und einander trotzdem kaum kennen, haben ihren Schrecken aufgebraucht. Die Plagen gehören zum Leben wie ein lästiges Hintergrundgeräusch. Fest stecken Ems, Anja und Lieselott ohnehin: im Haus, in ihren Generationen, im Alltag. Irgendetwas aber muss man tun, und wichtig ist vor allem, dass es jede Menge zu trinken gibt. So hält es Natalie Baudy gleich im Prolog ihres Stücks „under the influence” als Regieanweisung fest.

Ab Donnerstag, 17. September, wird das Stück, nachdem es im Sommer im Rahmen der Bregenzer Festspiele seine Uraufführung gefeiert hatte, am Theater KOSMOS noch einmal aufgeführt.
Drei Generationen, ein Strom
In den drei Protagonistinnen spiegeln sich drei Generationen von Frauen. Sie reißen ihre Türen auf, treffen sich im Flur, schauen über den Lichthof auf denselben Himmel und erinnern sich, Flasche um Flasche, an die Zeit vor den Plagen: an die Musik, an Nächte bis zum Morgengrauen, ans Flirten und an den Heimweg, den man lieber allein gegangen wäre, aber nichts sagt, weil Widerspruch anstrengender ist als Nachgeben. Auch an die ersten Male erinnern sie sich, jedes mit dem passenden Getränk.

Der Rausch, den Baudy vorführt, ist dabei nie nur privat. Ems inszeniert ihn in den sozialen Medien und lebt vom Zuspruch ihrer Fans. Für Anja gehört er zum System: lange Bürotage, große Entscheidungen, wichtige Männer, die darauf einen Whiskey trinken, sie immer ein Glas mehr, weil es als Frau stets ein bisschen mehr sein muss, damit es reicht. Die Witwe Lieselott wiederum kennt den Alkohol noch als rein funktionales Mittel, um den Tag zu überstehen. Aus drei Leben wird ein einziger Strom aus Erinnerungen, Geständnissen, Himbeergeist und Schaumwein. Was aber, wenn nichts mehr da ist?
Hausmeisterin mit Entzugsgeschichte
Während sich die drei abschotten, räumt eine Vierte hinter ihnen auf: Dionysos, Tochter des Zeus, Göttin des Rauschs, It-Girl der Antike, tief gefallen bis auf die Erde. Als Hausmeisterin saugt sie den Blutregen mit flauschigen Handtüchern auf und kratzt tote Frösche von den Fliesen. Sie hat Mittel gegen Schlamm, Hagel, Zukunftsangst und Rechtsruck. Nur die Erschöpfung bekommt sie nicht weg. Den großen Exzess hat diese Göttin hinter sich, und gerade deshalb steht sie quer zu dem, was auf dem Flur passiert: Baudy verhandelt Abhängigkeit mit komödiantischem Gespür und sucht zugleich nach einem Rausch, der nicht länger patriarchal grundiert ist.

Regie führt Josef Maria Krasanovsky, der 2024 mit seinem eigenen Siegerstück „mondmilch trinken” bei den Festspielen zu erleben war und im kommenden Jahr die künstlerische Leitung des Theater KOSMOS übernimmt. Auf der Bühne stehen Johanna Hainz, Claudia Carus, Roswitha Soukup und Lisa Schrammel. Das Video stammt von Dominika Kalcher, das Licht von Stefan Pfeistlinger, die Kostüme vom Ensemble und von Nicole Wehinger.

Weitere Vorstellungen am 19. und 26. September um 20 Uhr sowie am 20. und 27. September um 17 Uhr.