Vom Hin, vom Her und vom Dazwischen

Meinrad Pichler erzählt 21 Vorarlberger Leben zwischen Aufbruch, Rückkehr und der Frage nach Heimat.
Bregenz Viel zu holen gibt es bei Franz Ganahl nicht. Als der Vorarlberger Handelsreisende kurz nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg in die Hände der Jesse-James-Bande gerät, hat er weder Waffe noch nennenswert Geld bei sich. Dafür Schuhsohlenleder. Die Banditen lassen ihn ziehen. Meinrad Pichler erzählt die Episode in zwei Sätzen. Eine Stelle, an der man hängen bleibt.
Rund 10.000 Namen umfasst Pichlers Auswandererkartei. Für sein neues Buch „Hin und Her. Transatlantische Leben“ hat der Historiker 21 Menschen ausgewählt. Was von ihnen in den Fokus rückt, sind oft die kleinen Dinge. Maria Meusburger (1863–1928) etwa kehrt nach Jahren in Amerika in den Bregenzerwald zurück und zieht nie mehr eine Tracht an. Nicht alles, was man zurückließ, wurde vermisst.

Auswandern ist bei Pichler selten eine Reise ohne Rückfahrkarte. Christian Ganahl (1835–1922) aus Schruns überquert den Atlantik 14-mal. Für einen Auswanderer ist er bemerkenswert schlecht im endgültigen Weggehen. Seine Eltern kehren 1872 aus St. Louis nach Vorarlberg zurück. Die Kinder leben in Amerika, sie selbst in einem fremden Quartier. Ein Jahr später holt Sohn Fidel sie wieder in die USA. „Das Leben ist eine Reise, die heimwärts führt“, lautet das Melville-Zitat, das Pichler Ganahls Geschichte voranstellt. Nur wird beim Lesen immer unklarer, wo dieses Heimwärts hinführt.
Adolph Dür (1896–1983) wandert mit 16 nach Ohio aus und baut dort eine Baufirma auf. Im Alter zieht es den Harder Sommer für Sommer zurück an den Bodensee. „Mama please go and get tickets“, sagt er zu seiner Frau. In Hard sitzt er mit den Pensionisten auf dem immer selben Bänkle am See. Mit seiner Frau spricht er Englisch, mit den alten Hardern breiten Dialekt.
Doch nicht jedes Fortgehen ist ein Aufbruch, nicht jede Rückkehr eine Heimkehr. Franz Miller aus Rankweil überlebt Weltkrieg und russische Gefangenschaft. 1923 versucht er in Amerika neu anzufangen, vier Jahre später kehrt er zurück. 1929 wird er in die Landesirrenanstalt Valduna eingewiesen. 1941 deportieren ihn die Nazis mit 130 weiteren Patienten in die Tötungsanstalt Schloss Hartheim bei Linz. Dort werden sie ermordet. Die Neue Welt hält sich selten an das Versprechen, eine bessere zu sein. Die Alte übrigens auch nicht.
Pichler arbeitet mit Kirchenbüchern, Passagierlisten, Zeitungen, Briefen und Familienerinnerungen. Wo die Quellen schweigen, sagt er das. Und es darf auch geschmunzelt werden. August Bodmer bringt 1876 nach 16 Jahren in Amerika einen lebenden Alligator mit, bestimmt für den Schulgarten des Feldkircher Gymnasiums. Über Christian Ganahl schreibt Pichler, er sei mit 86 Jahren gestorben – „natürlich auf einer Reise“.
Pichler kennt die große Geschichte. Ihn interessieren die Menschen darin. „Hin und Her“ versteht er als Abrundung seiner jahrzehntelangen Beschäftigung mit der Vorarlberger Amerikaauswanderung. Im Vorwort schreibt er, es sei vermutlich seine letzte umfangreiche Publikation.
Beispielhaft ist auch das Leben der Wilhelmina „Mina“ Dobler (1901–1989) aus Muntlix. Über die Schweiz gelangt sie nach Nizza, lernt Vilfort Beauvoir kennen und folgt ihm nach Haiti. Er wird Diplomat und Außenminister. Nach Vorarlberg kehrt sie nicht zurück. Als sie im Alter erblindet, legt sie das Französische ab. Zuletzt spricht sie nur noch Deutsch und Vorarlberger Dialekt.
Vielleicht braucht es keine endgültige Antwort darauf, wo diese Menschen zu Hause waren. Pichler gibt sie ihnen auch nicht. Am Anfang stehen Namen in einer Kartei. Am Ende meint man, einige dieser Menschen ein wenig zu kennen. Mehr kann ein Historiker seinen längst verstorbenen Protagonisten und seinen Lesern kaum schenken.