Doris Knecht

Kommentar

Doris Knecht

Kolumne: Möchte jemand Brombeer-Marmelade?

VN / 05.10.2026 • 15:15 Uhr

Ein Leser schrieb mir sehr freundlich auf meine letzte Herbst-Kolumne: Er habe gerade 80 Gläser Apfelmus gekocht, weil er „die Frucht der Erde nicht verfaulen lassen könne“. Ja, ich kenne das.

Ich habe das im Organismus eingebaut, nicht nur, weil all meine Vorfahren spärige Vorarlberger sind. Es ist die gesunde Einstellung von Menschen, die nicht im verschwenderischen Überfluss aufgewachsen sind. Die gelernt haben, die Nahrung, die die Natur ihnen praktisch umsonst vor die Nase hängt, zu schätzen, zu verbrauchen, zu verarbeiten, und so haltbar zu machen, dass sie einen nicht nur im kommenden Winter nährt und erfreut, sondern auch in den Jahren, die noch kommen und in denen die Ernte vielleicht nicht so reich ausfällt.

Als ich vor vielen Jahren das alte Hausi kaufte, bekam ich viel mehr als das. Ich bekam auch Rosen, Apfel- und Birnbäume, Ribiselsträucher in rot, weiß und schwarz, Holunder und Brombeeren, Weintrauben. Und was hab ich in den vergangenen Jahren geklaubt und gerebelt, gepresst, entsaftet, gedörrt und eingekocht, vor allem, als ich noch auf Süßes versessene Kinder im Haus hatte. Auch letzte Woche habe ich wieder acht Gläser Tomatensauce eingerext, die im Winter nach Sommer duften wird. Aber die Äpfel und Birnen, von denen bleiben auch heuer die meisten am Baum.

Ich wollte nämlich die Tomaten-Gläser in meinen feuchten Keller bringen, aber auf den Regalen war kein Platz mehr dafür, und ich musste etwas tun, was ich lange vermieden hatte: mir das mal anschauen.

Holunderblütensirup von 2024 und 2025. Selbstgepresster Apfelsaft aus 2018, 2021 und 2022, dazwischen die Scherben von Flaschen, die irgendwann explodiert sind. Schwarz gewordene Ribiselmarmelade aus dem Jahr 2011, beschriftet in der krakeligen Kinderhandschrift einer längst erwachsenen Tochter. Gelee aus 2019 von den duftigen pinken De-Resht-Rosen, leider jetzt dunkelbraun und mit einem nicht so amächeligen Duft. Apfelmus aus 2016 mit Schimmelschicht. Birnengelee von 2014, auch schwarz. Dazwischen viele Gläser von 2016 aufwärts, Traubengelee, Brombeermarmelade, Gelee aus schwarzen Johannisbeeren, die noch gut aussehen, die dürfen mal bleiben. Die schütte ich, wie die verdorbenen jetzt, 2035 auf den Kompost, außer es erbarmen sich noch die Gäste, die gerne Marmelade essen; ich bin beim Frühstück Team pikant.

Was geschieht mit den Früchten, die nicht in Kuchen und Kühlschrank Platz haben? Die bleiben am Baum und bieten noch im Winter reiche Nahrung für Vögel, Insekten und Kleingetier, und was übrigbleibt, machen die Würmer zu fruchtbarem Humus. Auch wenns nicht leicht ist, das einfach vergehen zu lassen: nicht nur für den fleißigen Leser, auch für mich.

Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin. Sie lebt mit ihrer Familie in Wien und im Waldviertel.