Darum wird das Handwerk+Form-Equipment im Allgäu neu aufgebaut

Ein Großeinkäufer aus Leutkirch räumt das Andelsbucher Werkraumhaus fast im Alleingang aus.
Bezau Mehr als 10.000 Besucher der Handwerk+Form waren neun Tage nicht nur von Exponaten und der Kreativität des Wälder Handwerks beeindruckt, ihr Interesse galt auch der Ausstattung im und um das Werkraumhaus: “Kann man diese auch kaufen?” Konventionelle Tischgarnituren, die originellen Ellipsentische, Stehtischchen, das außergewöhnliche Kassenhäuschen und auch die großen Wandschirme – Paravents – waren in der Tat zu haben.

Andelsbuch statt Portugal
Einer, der nicht lange überlegte, war Christian Skrodzki aus Leutkirch – er machte Nägel mit Köpfen und sicherte sich gleich eine ganze Lkw-Ladung voll Festivalmöbel. Und “ich weiß auch schon, wo ich das alles hinstelle”, verriet er euphorisch.

“Eigentlich hatte ich am Wochenende einen Flug nach Portugal gebucht, aber als ich im Internet zufällig diese unglaublichen Möbel in Andelsbuch sah, stornierte ich die Reise und machte mich auf den Weg in den Bregenzerwald – in natura war das alles dann noch fantastischer, ein echter Lotto-Sechser mit Zusatzzahl”, lachte Skrodzki und lüftete auch das Geheimnis, weshalb er so erpicht ist, sich diese Möbel zu sichern.

Zufallsprodukte als Notlösung
Dabei waren diese außergewöhnlichen Möbelstücke gar nicht geplant, erzählt Andreas Mohr. “Ursprünglich wollten wir einen unserer Sponsoren, die Brauerei Egg, so richtig in Szene setzen und aus Bierkisten originelle ‚Möbel‘ fertigen. Daraus wurde nichts, und in unserer Not haben wir als Ersatz bei Mayr-Melnhof in Reuthe Abfallholz gefunden – und das ist jetzt daraus geworden. Zerlegbar, lagerbar, transportierbar und jedes Stück ein Unikat.”

“Und für unsere Zwecke wie geschaffen”, fällt ihm Skrodzki fast ins Wort und erklärt, warum er so begeistert ist. “Als hätte man diese Stücke speziell für meinen Eventstadel angefertigt …”, malte er sich aus, wie diese Eventlocation ein Hotspot in seinem Projekt werden würde.

Dann erzählt er, womit er sich beschäftigt: “Mit vielen Gleichgesinnten erwecken wir alte Gebäude zu neuem Leben – dieser Stadel ist Teil eines historischen Ensembles mit etwa einem Dutzend denkmalgeschützten Gebäuden. Sogar eine kleine Kirche ist dabei und so wie hier im Rahmen der Schau eine alte Bäckerei.”

Er hat Erfahrung mit dem Revitalisieren. “Ein Stück Heimat bewahren, ein Stück Zukunft gestalten” ist sein Motto, für das er viele Gleichgesinnte fand. “Im Leutkircher Stadtteil Urlau – ein Nest mit 700 Einwohnern – haben wir eine Genossenschaft gegründet, um ein vor 32 Jahren geschlossenes Gasthaus wieder in Betrieb zu nehmen.”

Eine vergleichsweise leichte Übung im Vergleich mit einem alten Kino, das eine Genossenschaft mit 350 Mitgliedern 2006 übernommen hat. “2011 haben wir das Kino dann gekauft – wir zeigen vorwiegend Filme für die ältere Generation. Es läuft, wir arbeiten alle ehrenamtlich und heute sind wir schuldenfrei.”

Auch aus dem jahrzehntelang dem Zerfall preisgegebenen alten Bahnhof machte er eine Goldgrube, 700 Genossenschafter brachten mehr als eine Million Euro auf. Bei einer leerstehenden und zerfallenden Brauerei motivierte er sogar exakt 972 Gleichgesinnte, die aus der Ruine ein Haus mit gut einem Dutzend Mietern, Brauerei, Brennerei, Kaffeerösterei, Bio-Ölmühle, Dorfladen mit Café, Goldschmiede, Töpferei usw. machten. Und die Finanzen? Auf der Bank liegen inzwischen Hunderttausende Euro als Rücklagen. Neuerdings engagiert er sich auch in Bregenz: Er berät die Initiative, die sich um die Rettung des Metro-Kinos bemüht. STP