Darum wird das Handwerk+Form-Equipment im Allgäu neu aufgebaut

VN / 15.10.2026 • 13:08 Uhr
Andreas Mohr (li.) hat das Werkraumhaus für die Ausstellung Handwerk+Form mit originellem Mobilar ausgestattet. Den Großteil davon hat Christian Skrodzki gesichert, der damit in Leutkirch eine exklusive Event-Location ausstattet. PETER STRAUSS
Andreas Mohr (li.) hat das Werkraumhaus für die Ausstellung Handwerk+Form mit originellem Mobiliar ausgestattet. Den Großteil davon hat Christian Skrodzki gesichert, der damit in Leutkirch eine exklusive Event-Location ausstattet. Peter Strauss

Ein Großeinkäufer aus Leutkirch räumt das Andelsbucher Werkraumhaus fast im Alleingang aus.

Bezau Mehr als 10.000 Besucher der Handwerk+Form waren neun Tage nicht nur von Exponaten und der Kreativität des Wälder Handwerks beeindruckt, ihr Interesse galt auch der Ausstattung im und um das Werkraumhaus: “Kann man diese auch kaufen?” Konventionelle Tischgarnituren, die originellen Ellipsentische, Stehtischchen, das außergewöhnliche Kassenhäuschen und auch die großen Wandschirme – Paravents – waren in der Tat zu haben.

Um die Nachnutzung des originellen Mobilars (im Bild eine Ellipsentheke) müssen sich Werkraum-Geschäftsführer Cornel Hess (li.) und Obmann Alois Berchtold keine Gedanken machen – sie fand reißend Absatz.
Um die Nachnutzung des originellen Mobiliars (im Bild eine Ellipsentheke) müssen sich Werkraum-Geschäftsführer Cornel Hess (li.) und Obmann Alois Berchtold keine Gedanken machen – sie fand reißenden Absatz. Peter Strauss

Andelsbuch statt Portugal

Einer, der nicht lange überlegte, war Christian Skrodzki aus Leutkirch – er machte Nägel mit Köpfen und sicherte sich gleich eine ganze Lkw-Ladung voll Festivalmöbel. Und “ich weiß auch schon, wo ich das alles hinstelle”, verriet er euphorisch.

Um den vielen neugierigen Fragen zuvorzukommen, brachte Andreas Mohr Kleber mit „schriftlichem Kaufangebot“ an.
Um den vielen neugierigen Fragen zuvorzukommen, brachte Andreas Mohr Kleber mit “schriftlichem Kaufangebot” an. Peter Strauss

“Eigentlich hatte ich am Wochenende einen Flug nach Portugal gebucht, aber als ich im Internet zufällig diese unglaublichen Möbel in Andelsbuch sah, stornierte ich die Reise und machte mich auf den Weg in den Bregenzerwald – in natura war das alles dann noch fantastischer, ein echter Lotto-Sechser mit Zusatzzahl”, lachte Skrodzki und lüftete auch das Geheimnis, weshalb er so erpicht ist, sich diese Möbel zu sichern.

Vor dem Abbruch noch schnell ein Erinnerungsfoto von der erfolgreichen Jubiläumsausstellung Handwerk+Form.   
Vor dem Abbruch noch schnell ein Erinnerungsfoto von der erfolgreichen Jubiläumsausstellung Handwerk+Form.   Peter Strauss

Zufallsprodukte als Notlösung

Dabei waren diese außergewöhnlichen Möbelstücke gar nicht geplant, erzählt Andreas Mohr. “Ursprünglich wollten wir einen unserer Sponsoren, die Brauerei Egg, so richtig in Szene setzen und aus Bierkisten originelle ‚Möbel‘ fertigen. Daraus wurde nichts, und in unserer Not haben wir als Ersatz bei Mayr-Melnhof in Reuthe Abfallholz gefunden – und das ist jetzt daraus geworden. Zerlegbar, lagerbar, transportierbar und jedes Stück ein Unikat.”

Spanische Wände aus Abfallholz von Mayr-Melnhof sorgten im Werkraumhaus für eine einzigartige Atmosphäre.
Spanische Wände aus Abfallholz von Mayr-Melnhof sorgten im Werkraumhaus für eine einzigartige Atmosphäre. Peter Strauss

“Und für unsere Zwecke wie geschaffen”, fällt ihm Skrodzki fast ins Wort und erklärt, warum er so begeistert ist. “Als hätte man diese Stücke speziell für meinen Eventstadel angefertigt …”, malte er sich aus, wie diese Eventlocation ein Hotspot in seinem Projekt werden würde.

Großeinkäufer Christian Skrodzki verhandelte mit Andreas Mohr vor Ort: „Ich nehme alles, was ich bekommen kann . . .“
Großeinkäufer Christian Skrodzki verhandelte mit Andreas Mohr vor Ort: “Ich nehme alles, was ich bekommen kann …” Peter Strauss

Dann erzählt er, womit er sich beschäftigt: “Mit vielen Gleichgesinnten erwecken wir alte Gebäude zu neuem Leben – dieser Stadel ist Teil eines historischen Ensembles mit etwa einem Dutzend denkmalgeschützten Gebäuden. Sogar eine kleine Kirche ist dabei und so wie hier im Rahmen der Schau eine alte Bäckerei.”

Auch für das originelle Kassenhäuschen gab es Interessenten.
Auch für das originelle Kassenhäuschen gab es Interessenten. Peter Strauss

Er hat Erfahrung mit dem Revitalisieren. “Ein Stück Heimat bewahren, ein Stück Zukunft gestalten” ist sein Motto, für das er viele Gleichgesinnte fand. “Im Leutkircher Stadtteil Urlau – ein Nest mit 700 Einwohnern – haben wir eine Genossenschaft gegründet, um ein vor 32 Jahren geschlossenes Gasthaus wieder in Betrieb zu nehmen.”

Besonders bei Nacht strahlten die raffiniert ausgeleuchteten Paravents eine faszinierende Atmosphäre aus.
Besonders bei Nacht strahlten die raffiniert ausgeleuchteten Paravents eine faszinierende Atmosphäre aus. Peter Strauss

Eine vergleichsweise leichte Übung im Vergleich mit einem alten Kino, das eine Genossenschaft mit 350 Mitgliedern 2006 übernommen hat. “2011 haben wir das Kino dann gekauft – wir zeigen vorwiegend Filme für die ältere Generation. Es läuft, wir arbeiten alle ehrenamtlich und heute sind wir schuldenfrei.”

Christian Skrodzki, Stadtrat von Leutkirch und leidenschaftlicher Sanierer: „. . . und diese Ellipsentheke nehme ich auch noch – wenn ich sie haben kann.“   
Christian Skrodzki, Stadtrat von Leutkirch und leidenschaftlicher Sanierer: “… und diese Ellipsentheke nehme ich auch noch – wenn ich sie haben kann.” Peter Strauss

Auch aus dem jahrzehntelang dem Zerfall preisgegebenen alten Bahnhof machte er eine Goldgrube, 700 Genossenschafter brachten mehr als eine Million Euro auf. Bei einer leerstehenden und zerfallenden Brauerei motivierte er sogar exakt 972 Gleichgesinnte, die aus der Ruine ein Haus mit gut einem Dutzend Mietern, Brauerei, Brennerei, Kaffeerösterei, Bio-Ölmühle, Dorfladen mit Café, Goldschmiede, Töpferei usw. machten. Und die Finanzen? Auf der Bank liegen inzwischen Hunderttausende Euro als Rücklagen. Neuerdings engagiert er sich auch in Bregenz: Er berät die Initiative, die sich um die Rettung des Metro-Kinos bemüht. STP