Die Unbeugsamen von Neu-Amerika

In „Verteidigung eines Gartens“ erzählt Christina Walker von Gestrandeten in einer Schrebergartensiedlung.
hard Es gibt Ortsnamen, die mehr versprechen, als sie halten. „Neu-Amerika“ ist so einer. Statt unbegrenzter Möglichkeiten wartet in Christina Walkers neuem Roman eine Kleingartenanlage am Stadtrand, unten am Fluss, mitten im Winter. Die meisten Parzellen sind verlassen, die Siedlung soll einem Bauprojekt weichen. Nur ruht der Beschluss dazu in einer Amtsschublade. In dieser Lücke der Verwaltung richten sich Menschen ein, die sonst nirgends mehr Platz finden.

Marianne hat in der Bäckerei ihres Mannes hinter der Theke gestanden. Nach seinem Tod verliert sie Haus und Geschäft, für eine Mietwohnung reicht das Geld nicht, also zieht sie in ihre Gartenhütte. Die junge, widerborstige Didi hat sich im Sommerhäuschen ihrer verstorbenen Großmutter verschanzt, weil daheim der gewalttätige Freund ihrer Mutter wartet. Und Richard, der schon immer hier war, lebt von antiquarischen Büchern und von Fischen, die er nicht fangen dürfte. Über allem wacht der Vereinsobmann Herr Gregor. Er duldet das verbotene Dauerwohnen und setzt auf die Trägheit der Behörden: noch eine Saison, noch einmal Gemüse und Rosen. Dass er nebenbei um Mariannes Gunst wirbt, gehört zu den zartesten und komischsten Fäden des Buches.
Warmherziger Roman
Walker hat keinen Sozialroman mit erhobenem Zeigefinger geschrieben, obwohl die Themen dafür bereitlägen: Wohnungsnot, die Armut von Frauen, die allein zurückbleiben, Gewalt in der Familie, ein Amtsapparat, der Menschen lieber verwaltet, als ihnen zu helfen. All das ist da, aber es wird nicht ausgestellt. Es zeigt sich im Kleinen, in alltäglichen Entscheidungen, in dem, was unausgesprochen bleibt. Das Schönste an diesem Roman ist, was aus dem Mangel wächst. Zwischen den Hütten entsteht langsam, beinahe widerwillig, eine Gemeinschaft. Man hilft einander aus, man improvisiert. Didi wird für Marianne mehr als einmal zur unverhofften Stütze, und die Witwe entdeckt Kräfte in sich, die sie sich selbst kaum zugetraut hätte. Niemand verwandelt sich über Nacht, und gerade deshalb glaubt man diese Veränderungen. Erzählt wird mit großer Ruhe und trockenem Witz. Walker schaut genau hin und verzichtet auf Sentimentalität wie auf Zynismus. Ihre Figuren sind eigensinnige, mitunter komische, stets würdevolle Menschen. Ihre Nöte gehen einem nahe, rauben der Geschichte aber nie die Leichtigkeit.
Eine eigene Rolle spielt die Natur. Das Unkraut wuchert, die Jahreszeiten wechseln, Tiere ziehen durch die Gärten, und darin spiegelt sich, was zwischen den Bewohnern in Bewegung gerät. Doch sie lässt sich immer weniger bändigen. Wenn das Wetter umschlägt, wankt das zerbrechliche Gefüge, und der Garten wird zum Bild dafür, wie ohnmächtig der Einzelne den großen Kräften gegenübersteht und wie viel dennoch möglich ist, wenn man nicht allein ist. Mit „Verteidigung eines Gartens“ legt die gebürtige Bregenzerin und in Hard lebende Autorin einen ungemein warmherzigen Roman vor, ein Buch über das Recht auf einen Platz in der Welt. Es erinnert daran, dass Zusammenhalt nicht in Sonntagsreden entsteht, sondern zwischen Gartenzäunen. Man klappt es mit vorsichtiger Zuversicht zu.