Der nackte Franziskus

Kultur / 23.10.2026 • 13:10 Uhr
Der nackte Franziskus

VN-Kommentar von Walter Fink.

Zweimal in seinem Leben hat sich Giovanni di Pietro di Bernardone, von seinem Vater aber Francesco gerufene, völlig entkleidet. Einmal im Frühjahr 1207 öffentlich auf dem Domplatz von Assisi, als er von seinem Vater, der ein reicher Tuchhändler war, vor Bischof Guido II. angeklagt wurde, weil er Waren aus seinem Geschäft genommen und an Arme verteilt und zum Bau einer Kirche verwendet hatte. Indem er sich nackt darstellte, sagte er sich von seinem Erbe und seiner Familie, vor allem seinem Vater, los. Er sagte dazu: „Bis heute habe ich dich meinen Vater genannt auf dieser Erde; von nun an will ich sagen: ‚Vater, der du bist im Himmel‘.“ Vorausgegangen war dem ein ausschweifendes Leben als reicher Kaufmannssohn, der seine Freunde zu Umtrunk und Lustbarkeiten einlud, vorausgegangen war auch ein Kriegserlebnis und vor allem eine Berufung beim Gebet vor dem Kreuz der Kirche in San Damiano, vor dem er Christi Stimme mit den Worten gehört habe: „Franziskus, geh und baue mein Haus wieder auf, das, wie du siehst, ganz und gar in Verfall gerät.“ Franziskus legte diese Worte konkret aus und begann die Kirche San Damiano, die in schlechtem Zustand war, wieder aufzubauen.

Das zweite Mal, kurz vor seinem Tod, ließ sich Franziskus im Herbst 1226 von seinen Mitbrüdern des inzwischen gegründeten Ordens der „Minderen Brüder“, der Franziskaner, zu seiner Lieblingskirche Portiuncula, unter Assisi in Santa Maria degli Angeli gelegen, tragen, um dort zu sterben. Dort wollte er nackt auf die Erde gelegt werden, um im Tod eins zu sein mit der „Herrin Armut“, der er in Gott sein Leben gewidmet hatte. Anfang Oktober vor 800 Jahren war das, heuer also ein großes Gedenkjahr. Der letzte Wunsch von Franziskus, in Portiuncula beerdigt zu werden, wurde nicht erfüllt, er wurde im Gegenteil nach Assisi gebracht und dort ruhen seine Gebeine seit 1240 in der Basilica San Francesco. Heiliggesprochen wurde er bereits zwei Jahre nach seinem Tod.

Wenn man den Geist von Franziskus, der heute einer am besten erforschten und wohl auch einer der am meisten verehrten Heiligen ist, erfahren möchte, dann muss man seinen 1224 entstandenen „Sonnengesang“, der heute zur Weltliteratur gezählt wird, lesen, singen oder beten. Franziskus lobt Gott und tut dies gemeinsam mit allen Geschöpfen, besonders mit „Bruder Sonne“, in dem er „ein Sinnbild“ des Schöpfers sieht. Die Gestirne, Wasser, Feuer, den Wind und die Erde, ja sogar den Tod spricht er mit Schwester oder Bruder an.

Die Wirkung des Franziskus von Assisi kann gar nicht überschätzt werden, er begründete den Orden der Franziskaner, aus dem später auch die Kapuziner hervorgingen, auf ihn beruft sich auch die Hl. Klara, die als Vertraute des Franziskus im Kloster San Damiano in Assisi die Klarissinnen begründete. Und nicht zuletzt sehen auch viele, die sich heute dem Schutz der Natur, der Geschöpfe, der Welt ganz allgemein verschrieben haben, im Hl. Franziskus von Assisi ihren Ahnherrn. Wie groß seine Verehrung noch heute ist, haben die 400.000 Pilger gezeigt, die heuer im Februar und März nach Assisi gekommen sind, um vor den öffentlich gezeigten Gebeinen des Heiligen zu beten.