Spuren jüdischen Lebens in Bludenz

Wenig bekannte Biografien im Fokus.
Bludenz An vielen Orten in Deutschland und Österreich erinnern sich Menschen am 9. November an das Novemberpogrom von 1938, bei dem die Gewalt gegen jüdische Menschen einen vorläufigen Höhepunkt innerhalb der nationalsozialistischen Diktatur erreichte. Der über viele Jahrzehnte tradierte Begriff “Reichskristallnacht” wird von der Geschichtsschreibung heute abgelehnt, da er die NS-Diktion verharmlosend übernimmt. In Vorarlberg lebten in den 1930er-Jahren nur wenige Menschen jüdischen Glaubens. Die Judenfeindschaft vieler Vorarlbergerinnen und Vorarlberger kann daher als “Antisemitismus ohne Juden” bezeichnet werden. In Bludenz dürfte es allerdings noch immer wenig bekannt sein, dass in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wiederholt jüdische Menschen in der Stadt lebten. In der genealogischen Datenbank des Jüdischen Museums Hohenems finden sich mehrere Lebensläufe mit Stationen in Bludenz.
Familien- und Einzelgeschichten
Der aus Prag stammende Camill Weill hatte mit seiner Familie hier gewohnt und bei der Eisenbahn gearbeitet. Er konnte, nachdem er 1938 bereits im Konzentrationslager Dachau interniert gewesen war, im Dezember 1939 nach Schweden fliehen. Dr. Walter Leopold, der bis 1933 als Dozent an der Jüdischen Volkshochschule in Leipzig gewirkt hatte, versteckte sich nach einer Haft im Konzentrationslager Buchenwald im Untergrund. Im September 1944 gelangte er nach Bludenz und wurde unter dem falschen Namen Kurt Freiherr Verwaltungsjurist am Landratsamt. Mit seiner Frau lebte er in der Südtiroler Siedlung. Die beiden wanderten nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA aus. Die Tochter der Familie, Annelise Yosafat (geb. 1936), erzählte Schülerinnen und Schülern des Bundesgymnasiums Bludenz vor einigen Jahren ihre Lebensgeschichte. Die spektakuläre Geschichte des Joseph Wisnicki war Anfang Mai der Schwerpunkt eines Zeitgeschichtstags in der Remise in Bludenz. Dominik Markl stellte die in Buchform erschienenen Lebenserinnerungen (“Mich kriegt ihr nicht”) des polnischen Juden vor, der als vermeintlich katholischer “Fremdarbeiter” getarnt in einer Bludenzer Gärtnerei gearbeitet hatte.

Das Schicksal der Familie Iger
Neben den erwähnten Geschichten ist auch jene der Familie Iger von besonderem Interesse. Julius Iger stammte aus Mikulintsy in der heutigen Ukraine. Im Erwachsenenalter von rund 30 Jahren verließ Iger seine orthodoxe Familie, schnitt sich die Schläfenlocken ab und wollte fortan als moderner Mann leben. Seinen Wohnsitz verlegte er nach Bludenz. In den 1930er-Jahren lernte er seine spätere Frau Eva Lincyc kennen, die in Wien aufgewachsen war. Die beiden betrieben zunächst in der Wichnerstraße und später in der Hermann-Sander-Straße ein Konfektionsgeschäft. Ihre Tochter Hannah verbrachte die ersten zwei Jahre ihres Lebens in Bludenz. Nach dem “Anschluss” 1938 wurde der Betrieb “arisiert” und in diesem Zusammenhang wurden Wohnung und Geschäft versiegelt. Die Familie sollte abgeschoben werden, doch Julius Iger floh daraufhin in die Schweiz. Nach Aussagen seiner Tochter hatte er schon zuvor seine Kenntnisse der Bergwelt rund um Bludenz genutzt, um jüdischen Flüchtlingen zu einer Flucht zu verhelfen. Durch glückliche Fügungen konnten Eva Iger und ihre Tochter Hannah der Deportation entkommen. 1939 gelang der Familie über Le Havre die Auswanderung in die USA. Die Zeit in Bludenz hatte Julius Iger stets als den wichtigsten Wendepunkt seines Lebens beschrieben.
