Schönheiten für einen Augenblick

Sie sammeln Dinge, die den Alltag heiter machen: Eine kleine Schule der Achtsamkeit.
Höchst. Friedl Wolaskowitz (61) warf die Angel Anfang der 1980er Jahre in Form von Kaffeerahmdeckeln aus. Seine Schüler sollten sie vergrößert nachmalen.
Die Motive auf dem kleinen Stück plattgewalztem Aluminium nimmt schon deshalb niemand wahr, weil der potenzielle Betrachter meist gedankenlos zum Milch-Dösle greift und – ratsch – den Deckel abzieht oder entzwei reißt. Hauptsache, der Kaffee hellt sich auf. Welchem Bild er dabei Gewalt antat, sieht er gar nicht. Er hat es längst weggeworfen.
Seinen Hauptschülern brachte Wolaskowitz bei, genauer hinzusehen. Bei Martin Seybal (42) verfing das. „Während der Woche war er mein Lehrer, am Samstag waren wir als Sammlerfreunde unterwegs.“ Das sind sie bis heute.
Wenn Seybal heute seinen ehemaligen Lehrer auf der Finnlandreise dabei fotografiert, wie er im Supermarkt die Klebe-Etiketten von Bananen pult, dokumentiert er damit, wie weit die Leidenschaft gehen kann. Er legt auch selber Hand an: Die Mohrenbrauerei etwa hat ihre Kronenkorken mit den Namen der 96 Vorarlberger Gemeinden verziert. „Nun müsste man an die 300 Biere trinken, um alle Gemeinden beisammen zu haben.“ Wolaskowitz schien das gewagt. Der trinkt kein Bier. Aber auf Baustellen tun sie das, hin und wieder. Und richtig, Seybal und Wolaskowitz wurden im Abfall einer Baustelle fündig. Sammeln ist ein hartes Geschäft.
Andere mögen Gemälde horten oder teure Uhren, Wolaskowitz und seinen mittlerweile 60 Vereinsmitgliedern geht es um „Ephemera“. Das altgriechische Wort umfasst Dinge, die für einmaligen bzw. kurzen Gebrauch bestimmt sind. Von der Telefonwertkarte bis zu Fahrschein, Kaffeedose oder Nudelpackung. Den Schaukasten mit Zigarren der Austria Tabakregie mit Marken wie „Spezi“ und „Kavalier“ hat Wolaskowitz von der Wand eines Harder Kiosks gerettet, während schon ein Bagger das Dach einriss.
Es ist des Sammelns kein Ende
Als er 1981 mit seinem Citroën 2 CV durch Schottland kurvte, sah Wolaskowitz erstaunt, dass der englische Sprachraum sorgsamer mit Alltagsgrafik verfährt. Er wurde Mitglied der „British Ephemera Society“ und gründete in Höchst den österreichischen Verein.
Weil er selbst unseren kurzlebigen Tagen immer neue Sammelobjekte abtrotzt, wird der pensionierte Lehrer als Sammler nie in Rente gehen. An die 150 Sonnenfinsternisbrillen hat er eben seinem Lager einverleibt. Rubbellose hat er in Alben abgelegt. Dass jede Rolle, die ein Trafikant einlegt, beim ersten Los ein dickes Plus und beim letzten ein dickes Minus zeigt, wissen nur echte Spezialisten. Wolaskowitz fand inzwischen eine Verkäuferin, die ihm das jeweils erste und letzte Los zur Seite legt.
So ginge das unendlich weiter. Von einem steirischen Ehepaar weiß Wolaskowitz zu berichten, das es jedes Jahr Zigtausende Rahmdeckel aus Japan nach Hause trägt. „Die beiden haben eine eigene Maschine entwickelt, die in Windeseile Hunderte Döschen öffnet.“ Den Rahm kippen sie weg. In der Gegend von Luzern haben Ende der 1980er- Jahre Gegner solch enthemmter Leidenschaft eine Zeitlang Kaffeehäuser gestürmt und mit Zahnstochern alle Rahmdeckel angestochen, derer sie habhaft wurden.
So viel Emotion steht bei der Herbstbörse am Nationalfeiertag nicht zu erwarten. Wer sich im Höchster Pfarrsaal freilich ein Tässchen Kaffee genehmigt, kann mit dem Rahmdeckel hernach schwunghaften Handel treiben.
Große Tauschbörse am Freitag,
26. Oktober 2012, 9 bis 15 Uhr im Höchster Pfarrsaal