Jürgen Weiss

Kommentar

Jürgen Weiss

Hohenemser Wurzeln

Vorarlberg / 29.10.2012 • 20:08 Uhr

Durch Vertauschen von Buchstaben ein neues Wort zu bilden (ein sogenanntes Anagramm), ist nicht nur Rätselfreunden bekannt. Es wird auch häufig verwendet, um einen Namen zu verändern. So war beispielsweise der morgen vor 100 Jahren in Wien geborene und später in Belgien lebende bekannte Schriftsteller Jean Amery als Hans Mayer auf die Welt gekommen. In dem 2005 verstorbenen deutschen Schriftsteller Carl Amery (ursprünglich Christian Mayer), einem Gründungsmitglied der deutschen Grünen, hat er später einen doppelten Namenskollegen gefunden.

Am nächsten Dienstag findet um 20 Uhr im Salomon-Sulzer-Saal in Hohenems eine Podiumsdiskussion zum 100. Geburtstag von Jean Amery statt, in dem sein schriftstellerisches Lebenswerk und sein Schicksal als Überlebender des Nazi-Terrors gewürdigt werden. Der Ort ist kein Zufall. Amery stammte väterlicherseits aus Hohenems, wo seine Vorfahren angesehene Mitglieder der jüdischen Gemeinde waren. Damit und durch seine Tätigkeit im Widerstand war unter den Nazis der Weg in die Konzentrationslager vorgezeichnet – ein Schicksal, das ihn bis zu seinem Tod 1978 quälte und prägte. Mit einer 1977 überreichten Ehrengabe des Landes Vorarlberg begann auch langsam jene Nachkriegszeit ein Ende zu nehmen, in der man an eine einst blühende jüdische Gemeinde in der Mitte Vorarlbergs und vor allem an deren Auslöschung lieber nicht erinnert werden wollte.

Dabei ist Jean Amery nicht die einzige bedeutende Persönlichkeit, an deren Wurzeln im jüdischen Viertel man sich dankbar erinnern kann. Die Mutter des berühmten Schriftstellers Stefan Zweig, Ida Brettauer, stammte aus einer bedeutenden Hohenemser Kaufmannsfamilie. Der Wiener Oberkantor und Schöpfer neuer Synagogenmusik von europäischer Bedeutung, Salomon Sulzer, hatte seine musikalische Tätigkeit in der Synagoge seines Heimatortes Hohenems begonnen. Er zählte zum Freundeskreis Franz Schuberts und war im 19. Jahrhundert ein bedeutender Repräsentant des Wiener Kulturlebens. Wer im 22. Wiener Gemeindebezirk durch die Steinachgasse geht, ahnt wohl kaum, dass sie nach einem Vorarlberger benannt ist. Der als Sohn einer jüdischen Arztfamilie 1861 in Hohenems geborene, später an der Akademie der Wissenschaften tätige und 1944 im Schweizer Exil gestorbene Dr. Eugen Steinach war der bedeutendste Hormonforscher seiner Zeit und Wegbereiter der später zur „Pille“ führenden Forschungen.

juergen.weiss@vn.vol.at
Jürgen Weiss vertrat das Land als Mitglied des Bundesrates zwanzig Jahre
lang in Wien und gehörte von 1991 bis 1994 der Bundesregierung an.
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