Ein Akt der Vollendung

Vorarlberg / 31.10.2012 • 20:18 Uhr
Im Augenblick des Todes regt sich laut Russ-Preis-Träger Elmar Simma Widerstand: „Das kann es einfach nicht gewesen sein.“ Foto: VN/Hartinger
Im Augenblick des Todes regt sich laut Russ-Preis-Träger Elmar Simma Widerstand: „Das kann es einfach nicht gewesen sein.“ Foto: VN/Hartinger

Der Gedanke an den letztgültigen Tod ist unerträglich. Glaube setzt Hoffnung dagegen.

Rankweil. Draußen ist es still und kalt. Die Uhr schlägt bald zehn. Elmar Simma brütet über zwei Predigten. „Nein“, er schüttelt den Kopf, „dass Menschen bei einem Todesfall sagen: Aus, das war’s, das ist mir kaum untergekommen. Fast alle“, bekräftigt der Caritas-Seelsorger, „nehmen den Tod als Geburt zu einem anderen Leben.“ Sie glauben an ein Wiedersehen. Ganz gleich, ob religiös oder nicht. „Sie sagen: Das kann es einfach nicht gewesen sein.“

Warum? So vieles bleibt von einem Menschenleben unverarbeitet und unbeantwortet. „Und erst all die Liebe, die uns glücklich macht. Soll das alles ausradiert werden?“ Angesichts der Endgültigkeit des Todes wiederholt Simma bewusst: „Das kann es nicht gewesen sein.“

Aber was folgt? „Wir wissen es nicht.“ Manche liebevoll gepflegten Gräber mögen ein kleines Stück vom Paradiesgarten vorwegnehmen, der den drei Buchreligionen als Ziel gemeinsam ist. Aber alles bleibt vage Hoffnung. Nah-toderfahrungen legen zumindest nahe, dass Glücksempfindungen und das berühmte Licht ein Ziel markieren. Oder sind solche Momente nichts weiter als ein Trick der Psyche? Gewissheit gibt es nicht.

Warten auf die Wiederkunft

So behelfen sich die Religionen unterschiedlich. Im Judentum rät die rabbinische Tradition von allzu vielen Spekulationen über die zukünftige Welt ab. Die Toten warten, bis der Messias am Ende der Zeit durch Jerusalems goldenes Tor, „das Tor des Erbarmens“ kommt und sie zum ewigen Leben auferweckt.

Der Buddhismus hingegen beschreibt den Prozess von Tod und Wiedergeburt mit erstaunlicher Genauigkeit. 49 Tage verstreichen demnach, bis das Bewusstsein sich neue Eltern sucht.

Ohne solch detailreiche Beschreibung bleiben Christentum und Islam. Muslime, die sich in den Willen Gottes ergeben, erwartet ein üppiges Leben im Garten Eden. Das Wort selber stammt aus dem sumerischen „Guan Eden“ und bedeutet „Rand der himmlischen Steppe“. Für Nomaden bedeutet ein blühender Garten die Erfülling ihrer kühnsten Träume.

Auch die Christen erwarten ein Paradies, sagt doch Jesus am Kreuz zum Schächer an seiner Seite: „Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ Dieser versprochene Himmel wurde über die Jahrhunderte oft genug als Drohmittel missbraucht, und deshalb rückt Elmar Simma das Bild gerade: „Wir Christen erwarten die Vollendung, wie eine Raupe sich zum Schmetterling verwandelt. Im Tod sind wir dem einen Gott übergeben, dem wir nichts mehr vormachen können. Und trotzdem erwartet er uns mit offenen Armen.“ ##Thomas Matt##