„Ich will mich nicht verstecken“

Dirk lebt seit sieben Jahren mit dem HI-Virus und engagiert sich in der Prävention.
Bregenz. Sein Lebensmotto „Positiv denken“ wird ihm oft als Zynismus ausgelegt. „Aber, was soll ich anderes machen?“, fragt Dirk (34). Sein wacher Blick schweift kurz zu den Weihnachtslichtern ab, die draußen die Abenddämmerung erhellen. Nein, von negativen Gedanken will er sich nicht mehr hinunterziehen lassen. Denn ganz unten war der gebürtige Berliner schon einmal. Damals, vor sieben Jahren, als er die Diagnose HIV-positiv erhielt. Heute steht Dirk wieder fest im Leben. Auch, weil er in der Aids-Prävention eine Aufgabe gefunden hat: „Sie tut mir gut. Darüber reden macht mich stärker.“
Bewusster Umgang
Dirk ist eine auffällige Erscheinung. Piercings, Irokesenfrisur, Schmuck, die Fingernägel an den schönen schlanken Händen perfekt lackiert: Er steht zu seiner Aufmachung. Nur mit dem Gewicht hadert er. Die Medikamente, die er aufgrund seiner Infektion nehmen musste, haben ihn etwas fülliger werden lassen. Und in die Depression geführt. „Nebenwirkungen halt“, merkt er lakonisch an. Seit Kurzem braucht Dirk nur noch eine Tablette am Tag. Ein neues Medikament, in das er große Hoffnungen setzt.
Seit 12 Jahren ist Vorarlberg die Heimat des jungen Mannes. Ein Job im Gastgewerbe brachte ihn hierher. Als Homosexueller ging Dirk mit dem Thema Aids immer sehr bewusst um. Er ließ sich regelmäßig testen und verhütete entsprechend. Groß war daher der Schock, als nach einem massiven körperlichen Zusammenbruch und mehreren Tests feststand, dass er sich mit dem HI-Virus infiziert hatte. „Die Welt stürzte ein“, erzählt Dirk.
Ein Ausgestoßener
Eigentlich blieb kein Stein mehr auf dem anderen. Er verlor seine Arbeit, die Freunde ließen ihn fallen, der Partner „machte sich aus dem Staub“. Er war ein Ausgestoßener. Die Nachricht, er habe Aids, verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Aber: „Ich habe kein Aids. Ich bin HIV-positiv“, stellt Dirk mit Entschiedenheit klar. Seit sieben Jahren muss er das tun. Und langsam wird er es leid. Das macht den Wunsch nach „mehr Offenheit und gesellschaftlicher Akzeptanz“ verständlich. Vor allem sollte sich die, meint Dirk, über den heutigen Welt-Aids-Tag hinaus bewegen. „Ich lebe das ganze Jahr mit HIV.“ Es ist eine nüchterne Feststellung, in der aber auch ein Hauch von Ärger über die Intoleranz gegenüber HIV-Betroffenen mitschwingt. Dirk erzählt von seinen Erfahrungen mit dem Arbeitsmarktservice. „Der einzige Rat war, um Invaliditätspension anzusuchen. Mit 27 Jahren.“ Er schüttelt den Kopf. Letztlich blieb ihm jedoch nur dieser eine Weg.
Zu Gast bei Schülern
Inzwischen fand er bei der Aidshilfe eine Tätigkeit in der Prävention, indem er Fachleute in die Schulen begleitet. Er freut sich auch, Schulklassen durch die Ausstellung führen zu können, die gestern in den Räumlichkeiten der Aidshilfe eröffnet wurde. Betroffene haben ihre Situation künstlerisch aufgearbeitet. Dirk ist mit zwei Werken vertreten. Ein Bild zeigt plastisch den Verlauf seiner Infektion. Unten kleine schwarze Särge, denen er mit Mühe entkam, in der Mitte eine Ansammlung leerer Pillenschachteln und ganz oben eine Rose, die symbolisiert, dass sich sein Leben gefestigt hat.
Zurück nach Berlin, in die Anonymität der Großstadt zu gehen, kam für Dirk nie infrage. „Ich will mich nicht verstecken.“ Außerdem gibt es hier Menschen, die zu ihm halten. Die möchte er ebenso wenig verlieren wie sich selbst. Deshalb der beharrliche Kampf um Aufklärung und gegen Klischees. Die guten Rückmeldungen machen ihm Mut. Jede trägt ihn.