Wohnen muss man sich leisten können

Jeder Mensch braucht eine Bleibe. Aber die Kosten fressen das Grundrecht auf.
Schwarzach. Der Mensch muss sich ernähren, arbeiten, lieben und irgendwo zur Ruhe kommen. Er muss wohnen. Wie aber muss heute Wohnraum beschaffen sein? Schutz muss er bieten vor der Witterung, beheizbar muss er sein und hell, Bad und Küche braucht er auch. Rasch hat der Bregenzerwälder Architekt Hermann Kaufmann (57) die Grundbedürfnisse aufgezählt, die der Mitteleuropäer heute an seine Bleibe stellt. 2000 Jahre nachdem sich die „heilige Familie“ vor-übergehend mit einem Stall begnügen musste.
Jeder Mensch braucht ein Daheim. Das Wort umschreibt viel mehr als nur das sprichwörtliche „Dach über dem Kopf“. Aber selbst einfachste Erfordernisse sind nicht selbstverständlich. Schutz vor der Natur? In Vorarlberg „eh klar“. Aber an den Siedlungsrändern der Weltmetropolen, wo aus Abfallholz notdürftig zusammengezimmerte Baracken bei Unwettern wie Kartenhäuser in sich zusammenfallen, gewinnt das Wort rasant Gewicht.
Ein Wohnraum braucht Licht. „Das muss kein Balkon sein“, wehrt Kaufmann ab, aber ein finsteres Kellerabteil bleibt unzumutbar. Freilich, nicht jede Unterkunft in Vorarlberg kann da ausreichend mithalten.
Wie viel Platz muss sein?
Bad und Toilette sind längst kein Luxus mehr, sie beugen Krankheiten vor. Aber so wie noch immer nicht alle Wohngebiete Vorarlbergs vollständig kanalisiert sind, haben auch nicht alle ein Badezimmer, das den Namen auch verdient. Dafür sind viele Wohnungen dort feucht, wo es niemand brauchen kann. Kaufmann winkt ab. Das kennt er zur Genüge von Sanierungen.
Wie viel Wohnraum steht dem einzelnen Menschen zu? Das ist für Kaufmann „relativ offen“. Die Frage ist uralt. Ein internationaler „Kongress für neues Bauen“ legte 1927 am Vorabend der Weltwirtschaftskrise in Berlin 100 Grundrisse vor. Die „Wohnung für das Existenzminimum“ maß in einem Vorschlag nur 30,3 Quadratmeter Wohnfläche. Als Vorbilder für das Wohnen auf niedrigstem Niveau dienten Schiffskabinen und Zug-Waggons.
Der Schweizer Architekturhistoriker Siegfried Giedion trat für eine konsequente Fertigbauweise zum Senken der Kosten ein, Walter Gropius schlug Wohnungen mit beweglichen Wänden vor. Heute geht man von einem Anspruch auf 45 Quadratmeter Wohnfläche aus und rechnet pro Mitbewohner noch 15 Quadratmeter hinzu.
So weit, so gut, sofern das alles leistbar bleibt. Da setzt Hermann Kaufmanns Kritik an. „Wohnen ist in Vorarlberg schlichtweg zu teuer.“ Die meisten Mieter würden ihm da beipflichten. Laut Caritas-Sozialbarometer geben Vorarlberger mit einem geringen Einkommen von rund 1100 Euro im Monat allein die Hälfte ihres Geldes fürs Wohnen aus. Aber woher rühren diese hohe Kosten?
Einmal „werden die Regulierungen immer schärfer“, und Kaufmann fragt sich, „ob wir da noch das richtige Maß haben“. Soziale Wohnbauten werden im Passivhausstandard ausgeführt. Barrierefreiheit ist obligat. Auch Schallschutz, denn die Wohnungen sollen ja nicht hellhörig sein.
„Die Zersiedelungspolitik früherer Jahre hat die Grundstückspreise in die Höhe getrieben. Das fällt uns heute auf den Kopf.“ Wichtige Grundstücke in den Dorfzentren „kommen erst gar nicht mehr auf den Markt, und an der Peripherie muss man Wohnblöcke hinknallen“. Nachverdichtungen sind äußerst schwierig.
Die hohen Baukosten schlagen sich dann nieder „in engen Stiegenhäusern und Gemeinschaftsbereichen, in denen sich nicht viel abspielen kann“. Und die Kosten haben auch zu einer hohen Standardisierung beigetragen. „Es gibt nur mehr drei Wohnsysteme: Ein-Kind, Zwei-Kind und Drei-Kind-Familien bewohnen Zwei-, Drei- und Vierzimmerwohnungen.“ Landauf, landab ist das so. „Für andere Wohnformen wie das Generationenwohnen“, kritisiert Kaufmann, „sind wir nicht gerüstet.“ Verschiebbare Wände, die Wohnungsaufteilungen durch ein paar Handgriffe verändern, können nicht der Weisheit letzter Schluss sein.
Wohnanlagen etwa, die bewusst statt Autoparkplatz eine gute Anbindung an Bus und Bahn und ein Jahresticket offerieren und entsprechend günstiger sind, existieren nicht einmal auf dem Papier. Fazit: „Man fängt erst an, über Alternativen nachzudenken, wenn das Geschäft schwieriger wird.“
Der Mensch muss wohnen. Der Theorie steht eine zunehmend schwierigere Praxis gegenüber. ##Thomas Matt##
Russ-Preis-Träger Hermann Kaufmann ist unter www.hermann-kaufmann.at im Internet präsent.