Härtetest der Nächstenliebe

Vorarlberg / 21.12.2012 • 21:32 Uhr
Im „Postfach für jeden“ geben Ehrenamtliche Spenden an Notleidende aus. Foto: Stiplovsek
Im „Postfach für jeden“ geben Ehrenamtliche Spenden an Notleidende aus. Foto: Stiplovsek

„Postfach für jeden“: Die Fähigkeit zur Liebe beweist sich dann, wenn’s schwer fällt.

Dornbirn. Hinten wuchten sie dicke Taschen mit Sachspenden auf die Verladerampe, vorne warten Menschentrauben auf Einlass. Es ist kaum Platz mehr in den ehemaligen Hallen einer Spedition. Vor Maria Thurnhers Büro drängeln sich die Bedürftigen. Stickig ist die Luft. Feuchtigkeit nistet in Schuhen und Kleidern. Tage vor Weihnachten herrscht Stoßverkehr im „Postfach für jeden“.

An drei Sonntagen haben die VN nun Grundbedürfnisse des Menschen überdacht: Essen, Arbeiten und Wohnen. Der Mensch muss sich ernähren, er braucht eine sinnvolle Betätigung und „sein Haupt irgendwohin betten“ will er auch, wie es das Neue Testament umschreibt.

Ein Leben ohne Liebe? Wertlos

Was fehlt noch? Die Liebe. Der Mensch ist auf ein „Du“ hin angelegt. Vom Vater gezeugt, von der Mutter geboren. Schon im ersten Augenblick hat er Beziehung. Längst nicht immer ist sie tragfähig. Aber ein ganzes Leben lang ohne Liebe bleiben? Das lohnte nicht. Wobei die Liebe sich von der Verliebtheit abgrenzt. Sonst führte der letzte Weg dieser Adventserie nicht ausgerechnet hierher.

„Schatzile“, ruft eine alte Frau mit heiserer Stimme, „mein Schatzile“! Maria Thurnher bahnt sich etwas mühsam den Weg an ihren Schreibtisch. Die „Schatzile“-Ruferin weiß sie einzuschätzen. Ein wissendes und doch mildes Lächeln huscht über ihr Gesicht. Seit 38 Jahren schon betreibt die heute 68-jährige Dornbirnerin das „Postfach für jeden“.

Eh’ sie Zeit fürs Interview findet, schneit eine flüchtige Bekannte aus dem Hatlerdorf herein und drückt ihr 200 Euro in die Hand. „Kekse hab’ ich auch gebracht“, sagt sie und ist schon wieder weg. Das „Postfach für jeden“ ist eine groß angelegte Umverteilungsaktion. Die einen bringen, was sie entbehren können. Andere holen ab: Kleidung, Geschirr, Möbel, Bettwäsche . . .

Maria Thurnher kennt viele ihrer Klienten lange Jahre schon. „Oft steht die zweite, dritte Generation aus derselben Familie vor unserer Tür.“ Kommen einfach nicht auf die Füße. Bemühen sich. Schaffen’s nicht. Kaufen unsinnige Dinge. Verschulden sich. Trinken. Werden krank. Betteln. Mit einem vordergründig unangebrachten Stolz klopfen sie dann an. „Aber das ist oft das Einzige, was ihnen geblieben ist.“

Maria Thurnher mag das. „Niemand darf sich erwarten, dass diese Menschen vor Bescheidenheit auf dem Boden kriechen. Diese Leute haben einen gewissen Stolz, den ich auch habe.“ Nicht alle ihrer 68 Helferinnen und Helfer kommen gleich gut damit klar.

Frage der Bildung

Maria Thurnher blickt in die Gesichter der Wartenden und liest darin Existenzängste, „viel mehr als in früheren Jahren“. Sie macht keinen Unterschied, ob In- oder Ausländer. Schon im Kindergarten und in der Volksschule sollte man das lernen: „Es gehört doch zur Bildung, dass wir andere akzeptieren.“ Dabei spricht hier keine Sozialromantikerin. Maria Thurnher will mit den Menschen, denen nichts mehr blieb, verantwortungsvoll und ehrlich umgehen. Und sie sagt: „Es muss Grenzen geben.“

Dennoch: Auch wenn viel Elend selbstverschuldet ist, hält sie es für „die Pflicht der Gesellschaft, niemanden vor der Tür stehen zu lassen“. Der Mensch braucht also nicht nur Liebe. Er ist sogar zu ihr verpflichtet. Vor allem dann, wenn es schwer fällt.

Maria Thurnher gründete das „Postfach für jeden“ vor 38 Jahren.
Maria Thurnher gründete das „Postfach für jeden“ vor 38 Jahren.

Russ-Preis-Trägerin
Maria Thurnher erreichen Sie unter
Tel. 05572/35259