Ein echter Seelsorger mit dem Ohr am Volk

Vorarlberg / 30.01.2013 • 19:52 Uhr
Reinhold Stecher kannte Carl Lampert gut. Foto: VN/Hofmeister
Reinhold Stecher kannte Carl Lampert gut. Foto: VN/Hofmeister

Der Innsbrucker Altbischof Reinhold Stecher hat auch in Vorarlberg Spuren hinterlassen.

Innsbruck. Der Tiroler Altbischof Reinhold Stecher, der am Dienstag im 92. Lebensjahr nach einem Herzinfarkt verstarb, wurde auch in Vorarlberg sehr geschätzt. Zwar hielt sich der begeisterte Bergsteiger lieber an die Gipfel jenseits des Arlbergs. Aquarelle von seiner Hand erzählen davon. Aber als Caritas-Bischof hat ihn Russ-Preis-Träger Elmar Simma gut in Erinnerung. „Stecher hat erst vor drei Jahren unserer Pfarrcaritas einen Einkehrtag gehalten.“ Stechers stets kompromissloses Eintreten für Flüchtlinge gipfelte 1990 im Konflikt mit Innenminister Franz Löschnak, als der die Abschiebung von 7000 Rumänen ankündigte. Stecher erklärte daraufhin, notfalls würden die Tiroler Pfarreien diese Menschen aufnehmen. Der Gedanke an Deportationen schien ihm „ungeheuerlich“. Österreichs Katholische Kirche, die dieser Tage drei neue Bischöfe erwartet, hat in ihm einen ihrer profiliertesten Köpfe verloren.

Drei Monate in Gestapo-Haft

18 Jahre lang hat der Sohn eines Landesschulinspektors die Geschicke der Diözese Inssbruck geleitet. Seine kantige und geradlinige Art hat sich wohl in den Jahren der Nazi-Diktatur geformt. Stecher trat 1939 ins Priesterseminar ein. 1941 nahm ihn die Gestapo fest, weil er eine Wallfahrt nach Maria Waldrast organisiert hatte. Drei Monate blieb er in Haft. Nur die massive Intervention von Bischof Paulus Rusch hat ihn vor dem Konzentrationslager bewahrt.

Ein anderer hat in dieser Zeit in den Fängen der Nazis sein Leben eingebüßt: Carl Lampert. Stecher lernte den Provikar aus Göfis als Theologiestudent kennen und schätzen. Er war dabei, als Lampert den Religionslehrer Otto Neururer, der im KZ Buchenwald ums Leben gekommen war, zu Grabe trug. „Die Kirche war voller Menschen und überall Gestapo“, erinnerte sich Stecher. Lampert nahm kein Blatt vor den Mund. Das trug ihm die erste Verhaftung ein. Stecher begegnete ihm später, als Lampert aus dem KZ zurückgekehrt war. „Ich sah ihn in Innsbruck auf der Straße. Völlig abgemagert, gezeichnet von Entbehrungen und Zwangsarbeit.“ Carl Lampert wurde am 13. November 1944 mit dem Fallbeil hingerichtet. Seine Seligsprechung hat Reinhold Stecher nach Kräften unterstützt.

Schluss mit Anderl-Kult

Als Bischof von Tirol machte Stecher Schlagzeilen, als er mit dem Kult um den angeblichen jüdischen Ritualmord am „Anderl von Rinn“ aufräumte. Auch das umstrittene Engelwerk in Silz wies Stecher in die Schranken.

Was innerkirchliche Reformen anlangt, vertrat Stecher moderne Positionen: Schon Mitte der 1990er-Jahre bemängelte er, dass Frauen in der Kirche allzu oft „auf die Rolle der Magd verwiesen“ würden. Der Tiroler Bischof forderte im Sommer 1993 verheiratete Priester. Auch dem Papst persönlich soll er das gesagt haben mit dem Hinweis, dass sonst die Entsakralisierung Formen annehmen werde, schlimmer als zu Zeiten der Reformation. Kein Wunder also, dass das Kirchenvolksbegehren 1995 in seiner Diözese begann. Anfangs war Stecher durchaus skeptisch. Bald aber wertete er die Aktion als „positives Signal gegen die Gleichgültigkeit innerhalb der Kirche“.

Die Forderungen der Pfarrer-Initiative Helmut Schüllers, die heute von rund 500 Geistlichen und mehr als 3000 Laien mitgetragen wird, nannte Stecher ein „breitgestreutes, flächendeckendes Anliegen“. „Man kann das nicht einfach so wegwischen, ohne dass man Realitätsverweigerung betreibt.“ Es handle sich dabei nicht um eine Zeitgeisterscheinung, sondern um „sachliche Erwägungen“, die mit der „Gesamtbotschaft Jesu Christi“ übereinstimmen würden.

Der Wiener Weihbischof Helmut Krätzl sagte anlässlich von Stechers 90. Geburtstag: „Er ist die Verkörperung eines Bischofs, wie ihn die Kirche heute braucht.“