Kräftiger Weckruf an alle „ignoranten Leberwürste“

„Utopia“-Gründerin Claudia Langer sagt Statussymbolen wie Autos den Kampf an.
Schwarzach. Claudia Langer hat es satt, ihr Leben mit „hoch gebildeten, völlig ignoranten Leberwürsten“ zu teilen. „Wir verbrennen gerade die Welt unserer Kinder“, klagt sie an.
Sie erreichen mit Ihrer Plattform „utopia.de“ nach eigenen Aussagen jährlich zwei Millionen Menschen.
Langer: Es sind inzwischen über drei Millionen. Wir haben ordentlich steigende Zahlen.
Was finden die User dort?
Langer: Die finden zwei Dinge: Das eine sind ganz konkrete Tipps: Was kann ich kaufen? Was kann ich tun? Und sie finden Ideen. Unsere Intention war ja strategischer Konsum. Wir merken, dass die Leute ein großes Bedürfnis danach haben. Wir vermitteln das Gefühl: Gemeinsam sind wir stärker. Gemeinsam können wir die Wirtschaft positiv beeinflussen. Wir kommen nicht drum herum, über Konsum die Unternehmen zu verändern.
Wie viele Mitarbeiter stehen hinter „utopia.de“?
Langer: 15 Festangestellte einerseits, aber wir haben in unserer Stiftung andererseits die Größen der Wissenschaft, die beratend tätig sind. Das ist eine ganze Reihe von Freelancern. Und die Community von 80.000 Leuten, die registriert sind und selber Diskussionen anstoßen. Das macht richtig Spaß.
Sie haben in Ihrem ersten Leben als Werberin die Deutsche Bank und Burger King beraten und dann mit „utopia“ bewiesen, dass man mit Bio-Lifestyle sehr erfolgreich sein kann. Jetzt wollen Sie wachrütteln. Ist das denn glaubwürdig?
Langer: Das ist sogar äußerst glaubwürdig. Ich finde es gar nicht schlimm, wenn jemand vom Saulus zum Paulus wird. Ich war eine radikale Öko in meiner Jugend. Komme aus einem Pfarrershaushalt. Friedens- und umweltbewegt, das volle Programm. Bei mir hat sich durch Tschernobyl, den sauren Regen und Bayern mit Franz Josef Strauß dann so ein No-Future-Gefühl entwickelt. Da hab ich eines Tages Jesuslatschen und Palästinenserschal abgelegt und mir gedacht: Wenn die Welt sowieso untergeht, kann man‘s auch noch mal krachen lassen.
Sie sind Werberin geworden.
Langer: Wir haben damals auch ganz tolle Sachen gemacht. Werbung für familiengeführte Unternehmen z. B. Und in der Sekunde, als der Erfolg explodiert ist, bin ich selber schon wieder ausgestiegen. Da hatten wir 80 Mitarbeiter, die sich um Deutsche Bank und Burger King gekümmert haben. In Deutschland hat das dazu geführt, dass die Leute lange überlegt haben, ob Sie mir vertrauen können. Aber sie wissen auch, dass ich einen signifikanten Anteil meiner Altersvorsorge in „utopia.de“ reingesteckt habe. Durch mein erstes Kind hab ich dann gedacht: Das gibt’s doch gar nicht, dass wir den Klimawandel einfach so hinnehmen. Und da bin ich aktiv geworden.
Aktiv heißt, Sie haben mit „Man müsste mal“ ein Buch voller unbequemer Wahrheiten geschrieben, das selbst die TAZ in Berlin „ratlos“ zurückließ. Die Kollegen mutmaßten die „Rückkehr zum erhobenen Zeigefinger“?
Langer: Ja, das ist es auch. Ich mag den erhobenen Zeigefinger eigentlich nicht und hab mit „utopia“ das Gegenteil gemacht. Der Frust, den ich der Welt entgegenschreie, ist, dass die Leute Pharisäer sind. Alle wären bei Umfragen herzlich gerne bereit, einen Euro mehr zu bezahlen für ein ökologisches T-Shirt. Aber wir wissen, dass Unternehmen, die sich darauf verlassen, verlassen sind. Mit „utopia“ gingen wir weg von jeglicher grünen Besserwisserlogik. Nachhaltigkeit sollte unwiderstehlich werden, „as sexy as hell“. Aber egal, die Leute sind ignorant geblieben. Der erhobene Zeigefinger drückt ein Gefühl von Notwehr aus. Die Zulassungszahlen großer Autos etwa steigen. Die sind noch immer Statussymbole. Ein Porsche Cayenne aber ist asozial. Er verkörpert die Geisteshaltung: Mir ist alles scheißegal. Zu diesem Bewusstsein muss man stehen. Gewisse Dinge dürfen einfach keine Statussymbole mehr sein.
Sie klagen in diesem Buch alle Beteiligten der heutigen Gesellschaft an. Eltern und Großeltern konsumieren rücksichtslos, die Kinder und Enkel kriegen den Hintern nicht hoch. Gemeinsam verspielen wir die Zukunft. Lautet die Lösung Verzicht? Und wie macht man den schmackhaft?
Langer: Verzicht kann man nicht lustvoll machen. Wir haben bei „utopia“ Sommerferien in der Nähe beworben. Innerhalb von 100 Kilometern, der Trend zur Sommerfrische. Aber – fahr zur Hölle – die Leute sind ihren frühen animalischen Reflexen gefolgt. Der gewöhnliche Verzicht ist null Beitrag zur Lösung.
Was dann?
Langer: Die Leute müssen sich politisieren. Und es muss eine globale politische Ebene sein. Ich möchte einfach nicht länger in einer Gesellschaft von desinteressierten Leberwürsten leben. Hoch gebildete, völlig ignorante Leberwürste. Im Moment sind wir als Konsumenten, aber auch als Wähler Pharisäer. Deshalb hat auch keine politische Partei ein Interesse, den Klimawandel zu propagieren.
Sie haben auf 200 Seiten die ökologischen, ökonomischen und sozialen Probleme mit einer erdrückenden Menge an Fakten belegt. Lässt das den Leser nicht genervt und überfordert zurück?
Langer: Ich habe fünf Jahre lang versucht, die Gute-Laune-Tante zu sein. Viele kleine Schritte ergeben ja Monsterbewegungen, usw. Aber die Menschen waren schlicht zu faul. Verleugnung und Verdrängung, das erleb ich in meinem Umfeld total. Beim dritten Glas Wein sind alle ganz einsichtig und selbstkritisch. Aber am nächsten Tag sind sie wieder in ihrem Alltag verschwunden. Bei den anonymen Alkoholikern musst du sagen: Mein Name ist Joey und ich bin Alkoholiker. Ich erlebe in meinem Umfeld nur Menschen, die versuchen, sich Augen, Ohren und Nase zuzuhalten. Dabei verbrennen wir gerade die Welt unserer Kinder
Sie nennen Ihr Buch eine Streitschrift. Wie kriegt man jene zur Lektüre, mit denen Sie streiten wollen? Die üblichen Verdächtigen haben Sie ja sowieso.
Langer: Meine Hoffnung war ja, dass ganz viele Leute das Buch aus Häme jemand anderem schenken. Nach dem Motto „Du müsstest mal.“ Aber im Ernst: Die Leute, die ich habe, die hab ich zwar, aber die sind genauso phlegmatisch wie der Rest der Welt. Großeltern dagegen sind z. B. extrem aggressiv. Die alten Frauen fallen regelrecht über mich her. „Wir haben Deutschland aufgebaut“, rufen sie. Und ich sag: Ja, aber von dem System, das Ihr entwickelt habt, habt ihr auch am meisten profitiert. Ich setze darauf, dass steter Tropfen den Stein doch höhlt. Es ist doch irre, dass wir auf dem Vulkan tanzen und immer noch Öl reinschmeißen.
„Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr feststellen, dass man Geld nicht essen kann.“ Dieser Spruch schmückte als „indianische Weisheit“ in den 1980er- Jahren klapprige Volvos. Sie reden nun einer neuen Ehrfurcht das Wort. Ehrfurcht wovor?
Langer: Ich sag mal ganz pathetisch: Ehrfurcht vor der Schöpfung. Das Verrückte ist ja, dass wir gerade die Schöpungsgeschichte umdrehen. Er hat’s gebaut, wir machen’s kaputt.
Der französische Schriftsteller Émile Zola hat 1898 unter dem Titel „J’accuse …!“ (Ich klage an) einen offenen Brief an den Präsidenten Frankreichs verfasst und die Dreyfuss-Affäre damit gewendet. Helfen Appelle heute noch? Oder sind sie nur gut positionierte Erreger am Buchmarkt? Was blieb etwa vom Pamphlet „Empört euch“ von Stephane Hessel?
Langer: Bei Hessel ist es was anders. Ich hab ja nicht auf einen Bestsellerplatz geschielt. Mit „utopia“ versuche ich die Leute zu verführen, und jetzt bin ich etwas wütender und trete den Leuten in den Hintern. Ich will meinen Kampfgeist nicht verlieren.
Ethikforum 2013
Thema: Fair leben in Vorarlberg. Von der Freiheit, das Gute und Richtige zu tun.
Programm für 8. März 2013
» 9.00 Uhr: Begrüßung
» 9.15 Uhr: Vortrag Claudia Langer:
„Zwischen Utopie und Realität. Einblicke in das Dilemma zwischen idealistischer Hilfe zur ökosozialen Lebensgestaltung und dem empörten Appell an eine ganze Generation“
» 9.55 Uhr Murmelpause, Diskussion
» 10.10 Uhr Vortrag Univ.-Prof. Dr. Hille Haker: „Was macht mich ethisch? Der Wandel unserer Herzen und unseres Lebensstils im Spannungsfeld von moralischen Intuitionen, ethischen Appellen und Überforderung“
» 11 Uhr Murmelpause, Diskussion
» 11.10 Uhr Pause und Gelegenheit zum Besuch des „Marktplatzes der Initiativen“
» 12 Uhr Lerncafés:
1. Zukunft ohne Hunger, Caritas
2. Gemeinwohl-Ökonomie: Geht das überhaupt?
3. Biofairer Konsum: Utopie oder bald Mainstream?
4. Vision Ökoland Vorarlberg
5. Talente – Mobil!
6. Solidarische Energie aus Vorarlberg
» 13.45 Resümee im Foyer
» 14 Uhr Buffet und Ausklang
» 15 Uhr Ende der Tagung
Moderation: VN-Redakteur Thomas Matt
Anmeldung: ab sofort bei Frau Margot Metzler, margot.metzler@kath-kirche-vorarlberg.at, Tel.: 05522/3485-209 an. Der Unkostenbeitrag beträgt inklusive Pausen und Mittagessen 35 Euro. Für Anmeldungen bis zum 8. Februar 2013: 30 Euro. Schüler(innen) zahlen 5 Euro.
Anmeldeschluss ist Montag, der
4. März 2013