Ein Gott und ein heiliges Buch

Vorarlberg / 05.02.2013 • 21:49 Uhr
Sweety und ihr Mann Avtar zeigen ihren Töchtern Simmi und Manu Auszüge des heiligen Buchs. Foto: Matt
Sweety und ihr Mann Avtar zeigen ihren Töchtern Simmi und Manu Auszüge des heiligen Buchs. Foto: Matt

Sikhs stellen hohe Ansprüche an die eigene Lebensführung. Die Walias erzählen.

Feldkirch. Sie tragen Turban und schneiden sich die Haare nicht. Dies und der Dolch im Gewand prägen das Bild der Sikhs in der europäischen Wahrnehmung. Das Bild wirkt faszinierend fremd.

Die Politikwissenschaftlerin Simmi Walia (25) hat die Reaktion auf Vorarlbergs Straßen gut vor Augen, wann immer ihre Verwandten aus dem Punjab zu Besuch sind. „Die Leute schauen.“ Aber sie blicken nicht dahinter.

Die Walias leben in Feldkirch. Viele haben ihre Künste schon genossen. In Dalaas und Feldkirch hat Simmis Vater Avtar (66) gemeinsam mit seiner Frau Sweety (58) Restaurants betrieben. Ihre älteste Tochter Manu (29) bleibt der Tradition insofern verbunden, als dass die BWL-Absolventin heute u. a. Gewürze importiert. Gewürze und Maßhemden. Ihre Religion spornt die Sikhs geradezu an, wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Der Wissenschaftler Gobind Singh Mansukhani fasst die Maxime so zusammen: „Ein Sikh muss anderen ein Beispiel geben; er soll ein besserer Bauer, ein besserer Geschäftsmann und ein besserer Beamter sein.“

Dabei griffe zu kurz, wer den Sikhismus auf Strebsamkeit reduziert. Avtar Walia stammt aus Amritsar. Dort steht der goldene Tempel, das höchste Heiligtum der Sikhs. Die rund 500 Jahre alte Palastanlage hält nach allen vier Himmelsrichtungen Tore offen. „Das symbolisiert die Offenheit gegenüber allen anderen Religionen.“

Offen gegenüber anderen

Jeder ist willkommen, betont Avtar. Auch jeder kriegt zu essen, ergänzt Simmi. Das Mahl für alle heißt „Langar“ und wird durch Spenden finanziert. Alle essen einfache Kost. Alle sitzen sie am Boden. So verdeutlichen Sikhs, dass sie mit Rangordnungen wie dem indischen Kastensystem gebrochen haben.

Der Sikhismus, der sich auf die Lehren von zehn Gurus beruft, wurde letztendlich in einem heiligen Buch niedergeschrieben. Es liegt in den „Gurdwara“ genannten Tempeln auf. Der nächste solche Versammlungsort steht in München. Die Walias fahren manchmal hin.

Priester brauchen Sikhs nicht. Ihrer Ansicht nach trägt jeder Mensch das Potenzial in sich, das Göttliche direkt zu erfahren.

Männer schneiden sich die Haare nicht, „weil Gott uns so erschaffen hat“. Sie tragen einen eisernen Armreif, der früher vor Schwerthieben schützen sollte. Ihr Dolch ist Zeichen dafür, dass Sikhs Arme und Unschuldige verteidigen. Vor allem geben Sikhs ihren Überzeugungen durch ein tugendhaftes Leben Ausdruck: Nach Möglichkeit keinen Alkohol (Manu: „Wir trinken selten ein Glas Wein“), unter keinen Umständen Tabak oder andere Rauschmittel. Das Schächten von Tieren ist tabu. Sexualität vor der Ehe geht gar nicht, sagt Simmi.

Ihre Gebete, ergänzt Manu, erleichtern ihr Zeiten der Prüfung und Entscheidung. Ihren Gott beschreibt sie als „die Kraft, die einen durchs Leben trägt“. Den Vorstellungen von Wiedergeburt oder Paradies begegnen Sikhs vorsichtig, denn „wir können nur mutmaßen“. Ihre Ethik muss sich im Diesseits bewähren, sonst taugt sie nicht.

Der goldene Tempel von Amritsar ist das höchste Heiligtum der Sikhs. Foto: Jovianeye
Der goldene Tempel von Amritsar ist das höchste Heiligtum der Sikhs. Foto: Jovianeye

Sikhismus

80 Prozent der weltweit 23 Millionen Sikhs leben in der nordindischen Provinz Punjab, unmittelbar an der Grenze zu Pakistan. Die Religion der Sikhs findet ihre Grundsätze in den 1430 Seiten ihres heiligen Buchs „Guru Granth Sahib“. Dieses Buch vereint zahlreiche Hymnen und Dichtungen in der eigenen Sikh-Schrift „Gumurkhi“. Guru Gobind Singh, der Letzte in einer Reihe von zehn Predigern, hat den Sikhs das Buch als oberste Autorität hinterlassen. Es ist die Quelle ihrer seelischen und ethischen Inspiration. Dieser letzte lebende Meister hat 1699 auch die Taufe eingeführt. Sie markiert eine bewusste Entscheidung für ein religiöses Leben. Die Taufe wie die ganze Religion der Sikhs steht allen Menschen offen.