„Wie Osterhasenpädagogik“

Vorarlberg / 06.03.2013 • 21:28 Uhr
Andreas Salcher sorgt mit kritischen Büchern zum Thema Schule für Gesprächsstoff. Foto: vn/hartinger
Andreas Salcher sorgt mit kritischen Büchern zum Thema Schule für Gesprächsstoff. Foto: vn/hartinger

Der Experte sieht Land und Bildungssystem in der Geiselhaft der Lehrergewerkschaft.

Schwarzach. Er gilt nicht nur als profunder Kenner des Bildungssystems, sondern auch als dessen härtester Kritiker. Geht es um das Aufzeigen der vielen Probleme, nimmt sich Dr. Andreas Salcher kein Blatt vor den Mund. Politisch lässt er sich allerdings nicht einspannen. Er teilt sich lieber und erfolgreich per Bücher oder in Diskussionen und Gesprächen mit.

Sind Sie gern in die Schule gegangen?

Salcher: Nein, eigentlich nicht. Vor allem in den fünf Jahren Handelsakademie habe ich so ziemlich alles erlebt, was ich in meinen Büchern beschreibe: Parteipolitik, schlechte Lehrer, Demotivation und sehr, sehr viel Langeweile. Ich sage aber auch dazu: Ich war nie ein schlechter Schüler. Ich war sogar ein sehr guter Schüler. Meine Bücher sind also nicht die Rache des gescheiterten Schülers. Ganz im Gegenteil.

Wenn Sie einen Vergleich ziehen müssten: Was hat sich seit Ihrer Schulzeit verändert?

Salcher: Im Prinzip hat sich, entgegen allen öffentlichen Behauptungen, von der Unterrichtsqualität her ganz wenig geändert. Es wird nach wie vor viel zu viel frontal unterrichtet. Die Lernfreude kommt zu kurz. Die Lehrerfortbildung ist fast nicht vorhanden. Die Osterhasenpädagogik regiert. Das heißt, der Lehrer hat das Wissen und versteckt es vor den Kindern und die müssen dann danach suchen. Zusätzlich hat Österreich ein extrem teures Schulsystem, nämlich das viertteuerste der Welt. Trotzdem matchen sich unsere Kinder etwa bei der Lesequalität innerhalb der EU mit Rumänien um den letzten Platz. Es ist einfach eine nationale Schande, wenn nach neun Jahren Pflichtschule jeder fünfte 15-Jährige de facto funktionaler Analphabet und jeder zehnte ein echter Analphabet ist.

Ist die Politik so ignorant oder woran liegt es, dass nichts getan wird?

Salcher: Ja, die Politik ist sehr ignorant. Aber es gibt mehrere Ursachen. Es fängt bei uns selber an. Offensichtlich sind das Leiden und der Schmerz, die wir alle über dieses Schulsystem empfinden, noch immer nicht groß genug. Schaut man sich die Proteste gegen den hohen Benzinpreis in Relation zu den Protesten gegen das Schulsystem an, muss man sagen, es gibt Themen, die uns wichtiger sind. Das Zweite ist, dass es der Lehrergewerkschaft gelungen ist, mit ihren Interessen die Zukunft des Landes in Geiselhaft zu nehmen. Beispiel: Wenn ein AHS-Lehrer vom Zeitpunkt seiner Lehramtsprüfung bis zu seiner Pensionierung sich keine einzige Stunde verpflichtend fortbilden muss, stimmt im System etwas nicht.

Hierzulande begehren jetzt schon die Volksschulen auf. Wundert Sie das?

Salcher: Fangen wir doch einmal vor der Volksschule an. Weltweit sind sich Bildungsexperten einig: Wenn ich einen Euro mehr in ein nationales Bildungssystem investiere und das mit dem größtmöglichen gesellschaftlichen Nutzen, sollte er in den Kindergarten investiert werden. Und an zweiter Stelle in die Volksschule. Wir in Österreich machen es genau umgekehrt. Wir investieren das meiste Geld in die Oberstufen und höheren Schulen. In den Kindergärten könnten wir mit sehr geringem Aufwand eine maximale Kompensation bei Sprachdefiziten, sozialer Herkunft usw. schaffen. Im Übrigen ist Österreich innerhalb der EU das einzige Land ohne universitäre Ausbildung für Kindergartenpädagoginnen.

Warum hört niemand auf Experten wie Sie?

Salcher: Das dürfen Sie nicht mich fragen. Aber eines muss ich schon sagen: Die Unzufriedenheit bei Eltern und Schülern wird immer größer. Auch die Wirtschaft und andere gesellschaftlich relevante Gruppen erkennen zunehmend, dass es sich ein kleines Land wie Österreich nicht leisten kann, ein Viertel unserer Talente systematisch zu vernichten, nur weil diese Kinder in die „falsche Familie“ geboren sind und überhaupt keine Chance haben.

Sie sagen, Sie sind pessimistisch, dass sich kurzfristig etwas tun wird, langfristig aber optimistisch. Worauf gründet Letzteres?

Salcher: Reformen passieren in Österreich immer dann, wenn das Geld ausgeht. Mit der Neuen Mittelschule und dem neuen Lehrerdienstrecht werden wir in kürzester Zeit das teuerste Schulsystem der Welt haben. Das heißt, der Druck auf der Kostenebene wird so groß, dass es zwangsläufig zu Veränderungen kommen muss. Auch der technologische Fortschritt wird ein großer Faktor sein. Zu glauben, dass der Lehrer, der mit dem Rücken zur Klasse vor der Tafel steht, das Zukunftsmodell ist, spielt sich bald nicht mehr. Aber: Jedes Jahr, das wir weiter verlieren, ist sehr schmerzhaft.

Sie wollten nie in ein Expertengremium. Könnten Sie da nicht mehr bewirken?

Salcher: Nein, weil ja die ganzen Expertenkommissionen nichts bewirkt haben, außer Papier zu produzieren. Und ich lasse mich nicht als Feigenblatt missbrauchen. Ich glaube, und so sehe ich auch meine Rolle, dass es etwas wie einen unabhängigen Bildungskritiker in diesem Land braucht, der mit klaren Worten die Wahrheit sagt. Um es auf den Punkt zu bringen: Wir haben überhaupt kein Konzeptdefizit. Wir haben auch nicht zu wenige Experten. Wir haben ein Umsetzungsdefizit. Ich bin einer, der dafür kämpft, dass die Dinge, von denen wir wissen, dass sie notwendig sind, tatsächlich passieren. Und das macht man von außen besser.

Worauf kommt es in einer Schule an?

Salcher: Was zählt, ist die Beziehung zwischen Lehrern und Schülern und die Wertschätzung füreinander. Das ist der Blutkreislauf, der Lernen erst ermöglicht.

Zur Person

Dr. Andreas Salcher

Geboren: 18. Dezember 1960
in Wien

Werdegang: Studium der Betriebswirtschaft an der Wiener Wirtschaftsuniversität mit dem Doktorat abgeschlossen; Inhaber eines Beratungsunternehmens, Landesobmann der Jungen ÖVP Wien, 1987 jüngstes Mitglied des Wiener Landtags, gemeinsam mit Dr. Bernhard Görg Gründer der „Sir Karl Popper Schule“ in Wien

Bücher: „Der talentierte Schüler und seine Feinde“, „Der verletzte Mensch“, „Meine letzte Stunde“, „Ich habe es nicht gewusst“ und aktuell „Nie mehr Schule/Immer mehr Freude“

Buchtipp: Andreas Salcher:
Nie mehr Schule – Immer mehr Freude, Ecowin Verlag