Jürgen Weiss

Kommentar

Jürgen Weiss

Sparsamkeit in Person

Vorarlberg / 15.04.2013 • 19:45 Uhr

Österreich war nach dem Ersten Weltkrieg finanziell ein Sanierungsfall. Nur mit einem Rettungsschirm des Völkerbundes konnten die rasante Geldentwertung und die Talfahrt der Wirtschaft bereinigt werden. Der Preis für die internationale Hilfe war nicht nur die Verpfändung von Einnahmen, sondern auch ein harter Sparkurs. Es kam zu starken Ausgabenkürzungen, einem massiven Stellenabbau im öffentlichen Dienst und sogar – mehr symbolisch als ertragreich – zu einer Verkleinerung der Bundesregierung. Die Rückzahlung der seinerzeitigen Anleihe dauerte übrigens bis in das Jahr 1980. Zur Überwachung der Sparmaßnahmen entsandte der Völkerbund einen eigenen Kommissar und der Nationalrat musste sich Eingriffe in seine Budgethoheit gefallen lassen. Das kommt uns heute alles – wenngleich in anderen Ländern – wieder sehr bekannt vor.

Der wirtschaftlich und politisch unruhigen Zeit entsprechend hatte Österreich damals einen hohen Verschleiß an Bundesregierungen. Zwischen 1918 und 1938 gab es zwanzig Finanzminister, kurze Zeit mit Joseph Schumpeter sogar ein später in den USA weltweit bekannt gewordener Nationalökonom. 1929 war für fünf Monate auch ein Vorarlberger darunter, der 1879 in Götzis geborene Dr. Johann Josef Mittelberger. Dass er von Bundeskanzler Streeruwitz mit dieser heiklen Funktion betraut wurde, war keine Überraschung. Immerhin war er vorher erfolgreicher Finanzreferent des Landes Vorarlberg und als solcher die Verkörperung penibler, geradezu sprichwörtlicher Sparsamkeit. Er war zuvor Professor am Bregenzer Gymnasium und seit 1918 Landtagsabgeordneter.

Als Bundeskanzler Streeruwitz im September 1929 zurücktrat, übernahm sein Nachfolger Schober auch das Finanzministerium; Mittelberger schied aus der Bundesregierung aus und kehrte in seine frühere Funktion als Landesfinanzreferent zurück. Mit dem Ständestaat von Bundeskanzler Dolfuß wollte er dann nichts mehr zu tun haben und übernahm nach 1934 keine politischen Funktionen mehr. Als Gegner der Nazis wurde er 1938 sofort aus dem Schuldienst entlassen und später sogar verhaftet.

In seiner Zeit als Landesfinanzreferent war Mittelberger am Aufbau der Vorarlberger Elektrizitätswirtschaft maßgeblich beteiligt, und daher war es naheliegend, sein Fachwissen nach 1945 als kaufmännischer Direktor der VKW zu nutzen. Mit 71 Jahren ging er dort in den Ruhestand und letzte Woche vor fünfzig Jahren ist er in Bregenz gestorben.

juergen.weiss@vn.vol.at
Jürgen Weiss vertrat das Land als Mitglied des Bundesrates zwanzig Jahre
lang in Wien und gehörte von 1991 bis 1994 der Bundesregierung an.
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