„Ärzte haben nicht studiert,um dann Zettel auszufüllen“

Vorarlberg / 19.04.2013 • 17:42 Uhr
„Ärzte haben nicht studiert,um dann Zettel auszufüllen“

Positive Diagnose zur Idee einer privaten Medizinischen Universität in Vorarlberg.

Schwarzach. Er arbeitet zwar schon seit Langem in Zürich. Den Faden zu seiner Vorarlberger Heimat hat Prof. Dr. Johann Steurer aber nicht verloren. Was hier vor sich geht interessiert ihn noch immer. Besonders, wenn es um medizinische Themen geht. Und dazu findet der gebürtige Bregenzerwälder auch ganz klare Worte.

Wie sehen Sie die Chancen für eine private MedUni in Vorarlberg?

Steurer: Die Idee einer privaten MedUni finde ich primär gut. Ob sich in Vorarlberg jedoch eine „kritische Masse“, die für eine gute Lehre und Forschung notwendig ist, aufbauen lässt, wird sich zeigen. Schade wäre es, wenn eine Art „Operettenuniversität“ entstünde. Die Vorarlberger sind aber bekannt dafür, dass sie, wenn sie etwas machen, es auch recht machen. An Willen und dem nötigen Geld fehlt es anscheinend nicht. Aber bei allen Nachteilen hat das Fehlen einer Universität in Vorarlberg auch einen großen Vorteil: Man muss, will man studieren, das Ländle zumindest für eine bestimmte Zeit verlassen, und das ist gut so.

Wäre eine entsprechende Ausbildung in kleinem Rahmen überhaupt zu gewährleisten?

Steurer: Je kleiner die Zahl der Studierenden, umso einfacher ist es im Prinzip, einen attraktiven Unterricht zu bieten. Die Studierenden können viel mehr in den Unterricht aktiv einbezogen werden. Da hätte eine kleine Universität sicher Vorteile. Für die Ausbildung nach dem derzeitigen Studienmodell braucht es habilitierte Chemiker, Anatomen, Physiologen, Genetiker, Molekularbiologen und natürlich Lehrende für alle klinischen Fächer. Neben der hohen fachlichen Kompetenz braucht es für das Lehren und Betreuen von Studierenden aber auch Zeit. Wenn die Kaderärzte der Vorarlberger Spitäler Unterricht geben müssen, wird es sicher um einiges mehr Kaderärzte brauchen, da Spitalsärzte mit der Betreuung von Patienten heute schon mehr als voll ausgelastet sind. Überarbeitete Kliniker sind meist keine guten Lehrer!

Könnte eine private MedUni eine wirksame Gegenstrategie zum Ärztemangel sein?

Steurer: Politiker glauben und hoffen das wahrscheinlich, aber das Problem des Ärztemangels, falls es ihn so generell überhaupt gibt, wird mit einer zusätzlichen Uni nicht gelöst. Es wird in Zukunft einen Mangel an Allgemeinärzten geben, doch es ist eine Illusion der Politiker, diesen mit einer Uni beheben zu wollen.

Sie sind ein Verfechter der frühen medizinischen Spezialisierung. Warum eigentlich?

Steurer: Persönlich bin ich dafür, die Ausbildung der Ärzte den Anforderungen der Medizin anzupassen. Ich plädiere für eine zweijährige Grundausbildung, in der die Studierenden das lernen, was alle Mediziner – vom Zahnarzt bis zur Gynäkologin – wissen und können müssen. Danach sollte mit der Spezialisierung begonnen werden. Auch der Allgemeinmediziner ist ein Spezialarzt. Er muss Dinge wissen und können, die ein Augenarzt nicht wissen und können muss und umgekehrt natürlich auch. Warum alle sechs oder mehr Jahre genau das Gleiche lernen sollen, konnte mir bis heute niemand glaubwürdig erklären.

Was muss sich Ihrer Meinung nach in der Ärzteausbildung generell ändern?

Steurer: Die Ausbildung nach Abschluss des Studiums zum Facharzt für Allgemeinmedizin oder in einem anderen Fach ist die wichtigste Zeit der ganzen Ausbildung. Die Bedeutung dieser Zeit wird jedoch zu wenig ernst genommen, nicht nur in Vorarlberg. Die Entlohnung ist eines, aber den Jungärzten die praktische Medizin beizubringen, sie zu kontrollieren, ihnen konkret zu sagen, was sie gut gemacht haben und was sie wie besser machen können, ist das, was die Ärzte in dieser Phase wollen. Schließlich haben sie studiert, um Patienten behandeln zu können und nicht, um Zettel auszufüllen. Kein Handwerksbetrieb könnte es sich leisten, so wenig Augenmerk auf die Ausbildung des Nachwuchses zu legen, wie das teilweise in Spitälern der Fall ist.

Ist die Schweiz für Vorarlberger Ärzte tatsächlich so attraktiv wie behauptet?

Steurer: Für Grenzgänger finanziell sicher. Ob die Ausbildung wirklich besser ist, ist schwierig zu sagen, aber, was jüngere Ärzte, die in die Schweiz migriert sind, doch immer wieder sagen, ist, dass man die Ausbildung – damit meine ich die Zeit zwischen Abschluss des Studiums und dem Abschluss als Facharzt – in der Schweiz ernster nimmt. Als Turnusarzt in Österreich, das entnehme ich den Schilderungen, kann es passieren, dass man während den normalen Arbeitszeiten „Mädchen für alles“ ist, sich dann aber im Notfall in der Nacht etwas verlassen fühlt.

Schade wäre es, wenn eine Art ,Operettenuniversität‘ entstünde.

johann steurer

Zur Person

Prof. Dr. Johann Steurer

Geboren: 1954, aufgewachsen in Hittisau

Werdegang: Bundesgymnasium Bregenz, 1973 bis 1979 Medizinstudium in Innsbruck, Ausbildung zum Facharzt für Innere Medizin in Zürich, seit 2002 Professor für patientenorientierte Forschung und Wissenstransfer an der Universität Zürich