Der lange Arm von Weihnachten

Immer mehr Vorarlberger Familien sind auf Lebensmittelspenden angewiesen.
Dornbirn. „Hey!“, ruft der Fahrer eines mächtigen Pickup, und noch einmal „hey!“ Eine wegwerfende Geste seiner linken Hand unterstreicht, wie sehr ihm die Wartezeit übrig ist. Die Finger der Rechten trommeln die Sekunden aufs Lenkrad, aber es geht nicht schneller. Marias Einkaufstrolley sperrt sich. Ihr Vierjähriger zerrt an der Hand. Mit ihr quillt ein Heer von Frauen und Männern mit prallen, löchrigen Einkaufstüten aus der Tiefgarage. Heute macht „Tischlein deck dich“ in Dornbirn Station. Im Kolpinghaus wechseln Lebensmittel nahe am Ablaufdatum die Besitzer.
Mit Bezugskarten
Die Brücke zwischen Überfluss und Mangel haben der Dornbirner Helgar Schobel und sein Team routiniert mit Biertischen errichtet. Am Eingang zur Tiefgarage weisen die Ersten ihre Bezugskarten vor. Dann „kaufen sie ein“. Wer will und kann, gibt zwischen 50 Cent und einen Euro. Symbolisch. Denn richtige Preise würden die Menschen hier völlig überfordern.
Elmar Stüttler behält, die obligate Freisprecheinrichtung seines Handys am Ohr, den Überblick. Wuchtet dort, wo die Ware zur Neige geht, Nachschub herbei. Und verteilt aufmunternde Worte wie andere Lebensmittel.
„500 Familien versorgen wir in ganz Vorarlberg derzeit mit dem Nötigsten“, überschlägt Stüttler seine Klientel, „insgesamt 1550 Menschen“. Das bedeutet eine 15-prozentige Steigerung seit der Jahreswende. Woran liegt das?
Stüttler hebt eine Kiste Karotten vom Boden auf, die da irgendwie im Weg herumsteht, und reicht sie weiter. „Klar kommen viele neue Bedürftige dazu.“ Vor allem die Zahl der Migranten steigt.
Aber die meisten hier treiben weihnachtliche Spätfolgen zur Spendenausgabe. Sie haben sich beim „Fest der Liebe“ übernommen. Geschenke gekauft, alles ausgegeben. „Am Jahresanfang kommen dann die Rechnungen“ – Wasser, Versicherungen. An sich nichts Überraschendes. Und doch schlägt jede Forderung ein wie der Blitz – unerwartet und unheilvoll. Selbst, wenn es an Heiligabend gelungen ist, mit ein paar Geschenken auch ein Stück Normalität zu erhaschen; der lange Arm von Weihnachten fasst den meisten hier im April, Mai eisig ins Genick. Spätestens, wenn sich die Zahlungen nicht mehr aufschieben lassen.
Ohne Hilfe chancenlos
Bei Maria liegen die Dinge anders. Sie ist Alleinerzieherin von fünf Kindern im Alter von 4, 10, 14, 15 und 16 Jahren und Dauerkundin. Seit 2011 holt sie regelmäßig bei „Tischlein deck dich“ die Lebensmittel für ihre Familie. Anfangs habe das Überwindung gekostet. „Plötzlich war ich dort, wo ich nie hinwollte.“ Inzwischen käme die Hausfrau und Mutter und gelernte Konditorin ohne die Unterstützung von „Tischlein deck dich“ nicht über die Runden. Sie lebt von Alimenten. Aber auf der Soll-Seite stehen die Miete von 910 Euro, – „kalt“, die Versicherung, das Telefon, Strom, Wasser. Maria erzählt von der Schule, die jetzt, wo’s gegen Ende zu geht, mit Sportwochen und Ausflügen zu Buche schlägt. Nein, es bleibt nichts über.
Eine Ehrenamtliche aus Elmar Stüttlers Team hat noch ein paar Schokolade-Schirmchen gefunden, „für die Kinder“. Maria steckt sie dankbar ein. Stüttler aber gönnt sich eine Pause und tritt vor die Garage. Es ist schwül draußen. Man kann das kommende Gewitter fast greifen.
Wer mithelfen will oder ein gebrauchtes Fahrrad übrig hat, erreicht Elmar Stüttler unter
Tel. 0699/ 14646515