Wenn der Mensch über den Tellerrand seiner bloßen Existenz hinausschaut

Vorarlberg / 26.05.2013 • 19:51 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Marianna, Annelise, Eckart Ruschmann: Er stellt Fragen, die Menschen schon immer beschäftigten.
Marianna, Annelise, Eckart Ruschmann: Er stellt Fragen, die Menschen schon immer beschäftigten.

Laienphilosophen im Diskurs: Welt ohne höhere Seinsebene ist unvorstellbar.

Bregenz. Was geschieht, wenn sich eine Handvoll Menschen am Freitagabend und den ganzen Samstag über einigeln und ihre Weltbilder abgleicht? Die Bäuerin Blanca und Hans-Peter, der Kinder- und Jugendpsychiater. Die spätberufene Kleinkinderzieherin und der pensionierte Zahnarzt. Alban schreibt als Amtssachverständiger wochentags Gutachten im Bereich Fischereibiologie, Annelise verdingt sich als Buchhalterin in einer Zimmerei.

Man muss nicht vom Fach sein

Die VN luden Laienphilosophen zu einem Seminar in vier Teilen ein. Es befasst sich mit den Grundfragen nach Weltbild, Gottesbild, Menschenbild und Ethik. Eckart Ruschmann leitet die Gespräche. Sein „Bodensee-Kolleg“ ist am Bregenzer Kornmarktplatz zu Hause. Er ist der einzige „professionelle“ Philosoph in der Runde. Ulrich etwa, der einer Fachklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie vorstand, ist „auf dem Weg zum Fachphilosophen grandios gescheitert“. Aber die Fragen ließen ihn nicht los.

Das geht allen so.

Ruschmann legt eingangs rund 2500 Jahre Philosophie im Zeitraffer dar. Er bedauert es sehr, dass die Frage nach dem Sein heutzutage arg verkürzt nur mehr in zwei Richtungen beantwortet wird. Entweder monistisch, dann lässt sich alles – die Herkunft der Welt, das Leben, die Entwicklung der Arten – naturwissenschaftlich erklären. Allein, „diese Reduktion des Lebens auf materielle Strukturen“ trägt nicht. Wo das Bewusstsein herkommt, lässt sie völlig offen. Aber auch der Dualismus von großer Ausschließlichkeit greift zu kurz: Körper und Seele stehen einander darin beziehungslos gegenüber.

Viel ist seit Anbeginn philosophischen Denkens verloren gegangen. Dass Tiere und Pflanzen beseelt sind, war dem Menschen in der Antike noch selbstverständlich. Die Sozial- und Unternehmensberaterin Julia knüpft mit dem Beispiel eines streunenden Katers an, der ihr zugelaufen ist und sich drei Tage nicht vertreiben ließ. Er hat sie gewissermaßen erwählt. Erzählt sie von seinen Charakterzügen, fällt es schwer, sich das Tier unbeseelt vorzustellen.

Eckart Ruschmann hält es insgesamt lieber mit dem Physiker Burkhard Heim (1925–2001), der die Möglichkeit offenhielt, dass höhere Seinsstufen den physischen Körper organisieren und strukturieren. Der indische Philosoph und Mystiker Sri Aurobindo (1875–1951) beschrieb in seinen Texten zwei, drei Wochen, die er selber in völliger Einheit „mit dem absoluten Bewusstsein“ verbracht hat.

Auch viele der Seminarteilnehmer kennen besondere Augenblicke, in denen vermeintlich feste Grenzen verschwimmen. Der Kinder- und Jugendpsychiater Hans-Peter, der mitunter an der „Absurdität des Lebens“ verzweifeln möchte, erfährt in einem Stück Blues oder Rock „tiefe Glücksempfindungen“, fühlt sich „verstanden, aufgehoben, ein Stück erlöst“. Die pensionierte Lehrerin Lilo fand in der Meditation „ein Gefühl des Geborgenseins, des Nicht-umsonst-Seins in der Welt“. Die Buchhalterin Annelise entdeckt ihr ganzes Weltbild, „die Präsenz des Daseins“ im Augenblick.

Ob jemand nun wie die Paar- und Familienberaterin Marianna „das Wunder des Lebens“ in einem Lindenbaum sieht oder es wie Ulrich nach sieben Jahren Krebs am eigenen Leib erfährt, immer ist da eine unbenennbare Kraft am Werk. Er gibt nach dem x-ten Rückfall freimütig zu: „Ich weiß nicht, woher diese Kraft stammt, die mich nicht aufgeben lässt.“ Er weiß es so wenig, wie Walter, der pensionierte Primararzt neben ihm, die Frage nach dem Sinn des Lebens „in dem Gläubchen“ beantwortet sieht, „das sich ein jeder von uns zusammenkleistert“.

Die Laienphilosophen schließen in dieser ersten Seminareinheit Bekanntschaft mit antiken Denkern wie Platon (472–347 v. Chr.), Epikur (347–270 v. Chr.) und Plotin (204–270), aber auch mit Descartes (1596–1650) und Jean Gebser (1905–1973), der wissenschaftliche und spirituelle Erkenntnisse zu verbinden suchte. „Er wollte das mythische und das magische Bewusstsein, die im Laufe der Jahrhunderte verloren gingen, zurückholen“, sagt Ruschmann.

Weltbilder wie jenes von Mariateresa, die als Baby in Kinderheimen aufwuchs und sich heute in der Natur, aber auch „durch die Engel von oben getragen“ fühlt, erhellen sich auf diese Weise. Genauso wie Blancas Postulat, das seit ihrem Nahtoderlebnis vor 13 Jahren lautet: „Ein jeder sollte leben, was er ist.“

Was ist das für eine Kraft in mir, dass ich nach sieben Jahren Krebs nicht aufgebe? Ich weiß es nicht.

Ulrich

Oft steh ich bei einer Linde staunend vor dem Wunder des Lebens.

Marianna
Seminarteilnehmer Lilo, Ulrich und Walter: Was führt in bestimmten Augenblicken über das normale Menschsein hinaus? Fotos: VN/Paulitsch
Seminarteilnehmer Lilo, Ulrich und Walter: Was führt in bestimmten Augenblicken über das normale Menschsein hinaus? Fotos: VN/Paulitsch

Literaturliste

» Weltanschauungen und Gottesbilder: Reflexionen für (und von) Laienphilosophen
Autor: Eckart Ruschmann, 240 Seiten, Thao.de, 2012, Preis 24,99 Euro

» Platon: Politeia
Herausgeber: Otfried Höffe, 310 Seiten, Oldenbourg Akademieverlag, 2011, Preis 24,80 Euro

» Griechische Mythologie: Quellen und Deutung
Autor: Robert von Ranke-Graves, 768 Seiten, rororo, 1984, Preis 16,99 Euro

» Kleine Geschichte der Philosophie
Autor: Ottfried Höffe, 384 Seiten, Beck Verlag, 2008, Preis 12,95 Euro

» Ursprung und Gegenwart
Autor: Jean Gebser, 3 Bände, Novalis Verlag, 1999, Preis 47 Euro

» Das Jenseits. Perspektiven christlicher Theologie
Autor: Stefan Schreiber, 279 Seiten, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2003, Preis 49,90 Euro

» Das göttliche Leben
Autor: Sri Aurobindo, 3 Bände, Hinder & Deelmann, 1991, Preis 61,40 Euro

Weil das VN-Seminar für Laienphilosophen ausgebucht war, eröffnet Eckart Ruschmann am 5. Juni eine zweite Reihe. Anmeldung und Auskunft unter Tel. 0650/ 29 18 06 0