Die zehnte Diözese
In den Medienberichten über die nach eineinhalb Jahren unverständlicher Verzögerung erfolgte Bischofsernennung wurde häufig erwähnt, dass es sich bei Vorarlberg um die jüngste österreichische Diözese handle. Wenn man dabei die Bundesländer im Auge hat, ist das natürlich richtig. Die Diözese Eisenstadt wurde 1960 errichtet, Feldkirch erst 1968. Die anderen Diözesen reichen weit in frühere Jahrhunderte zurück. Aus dieser Zeit stammt auch noch die Besonderheit, dass die Diözese St. Pölten nur die westliche Hälfte Niederösterreichs umfasst, die andere Hälfte gehört zur Erzdiözese Wien. In Tirol gehört der östliche Teil des Zillertales zur Erzdiözese Salzburg, was auch an den durchwegs grünen Kirchendächern zu sehen ist, die in Tirol sonst eine rote Farbe haben. Die Abtrennung der Diözese Feldkirch hatte der damalige Tiroler Landeshauptmann Wallnöfer zum Anlass für die unerfüllt gebliebene Forderung genommen, als Ausgleich den salzburgischen Teil des Zillertales zu erhalten.
Nimmt man die Diözesen insgesamt, gibt es aber noch eine jüngere als Feldkirch. Die Militärseelsorge bildet nämlich erst seit 1986 eine eigene, zehnte Diözese mit einem eigenen Bischof und entsprechendem Verwaltungsapparat. Das ist im Verhältnis zu unseren Nachbarn eine Besonderheit. In Deutschland wird die Leitung der Militärseelsorge, wie früher bei uns, von einem anderen Bischof mitbetreut, ohne dass es dafür eine eigene Diözese bräuchte. Und in der Schweiz, wo das Militär einen wesentlich höheren Stellenwert als bei uns hat, braucht es für die Leitung der Militärseelsorge nicht einmal einen Bischof. Dort gibt es unter den Militärgeistlichen auch keine Rangordnung. Ganz anders bei uns. Da gibt es sieben verschiedene Offiziersränge, vom schlichten Militärkaplan bis zum Militärerzdekan, alle mit schmucken Uniformen und Rangabzeichen.
Eine eigene Militärseelsorge hat tiefe historische Wurzeln und in erster Linie damit zu tun, dass Soldaten und militärisches Verwaltungspersonal durch Unterbringung in Kasernen und eine starke Gemeinschaftsbetonung naturgemäß einer besonderen Art der Seelsorge bedürfen. Gerade für Grundwehrdiener sind vielfach legendär gewordene Militärkapläne seit jeher wichtige Bezugspersonen. Warum gerade das kleine Österreich dafür eine eigene Diözese mit einem eigenen Bischof braucht, ist allerdings schwer nachvollziehbar. Aber vielleicht bekommen wir auch noch für die Krankenhausseelsorge, die Polizei und die Schulen eigene Diözesen. Auf diese Weise könnte man ultrakonservative Geistliche, die sonst auf Widerstand der Gläubigen stießen, doch noch in die Bischofskonferenz hieven.
juergen.weiss@vn.vol.at
Jürgen Weiss vertrat das Land als Mitglied des Bundesrates zwanzig Jahre
lang in Wien und gehörte von 1991 bis 1994 der Bundesregierung an.
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