Der letzte Sommer vor dem Morden

Vorarlberg / 14.08.2013 • 18:56 Uhr
Im Sommer 1913 ist die Hohentwiel wenige Monate alt. Sie lief im Jänner als das siebte Dampfschiff der Königlich Württembergischen Staatsbahnen vom Stapel.
Im Sommer 1913 ist die Hohentwiel wenige Monate alt. Sie lief im Jänner als das siebte Dampfschiff der Königlich Württembergischen Staatsbahnen vom Stapel.

Im August 1914 bricht der Erste Weltkrieg aus. Ein Blick auf Vorarlberg im letzten Friedensjahr.

Schwarzach. Vorarlberg im August 1913: Der Monat zieht mit erfrischenden 20 Grad Celsius heiter ins Land. Das Wasser des Bodensees ist sogar um ein Grad wärmer. Neben der Militärschwimmschule erstreckt sich seit 23 Jahren die städtische Badeanstalt, in der sich Männer und Frauen sittlich streng getrennt vergnügen.

Beschaulich wirkt das Land aus der Distanz: In Bregenz kommt gerade mal ein Auto auf 3688 Einwohner. Die Lebensmittelpreise entnimmt man der „Vorarlberger Landeszeitung“: Ein Kilo Äpfel kostet 60 Heller, Sellerie 10,15 Heller das Stück. Aber man soll sich nicht täuschen. Hauptnahrungsmittel sind Kartoffeln, Riebel und Kaffee. Unter allen Erwerbstätigen zählen nur 1800 zur Dienerschaft. In Vorarlberg können sich nur wenige leisten, bedient zu werden.

Auch wenn die Wetterstatistiken diesen letzten Sommer vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs als unterkühlt vermerken, wächst der Bierausstoß im Geschäftsjahr 1913/1914 auf die Rekordmenge von 124.998 Hektolitern an. Erst Mitte der 1950er-Jahre wird dieses Ergebnis wieder erreicht und sogar übertroffen. Zu Kriegsbeginn 1914 aber halbiert sich der Konsum fast auf 70.572 Hektoliter, von 115 Brauereien 1896 existieren 1914 gerade noch 41.

Die Industrie holt auf

148.000 Menschen leben 1913 im westlichsten Kronland der Monarchie. Ein Agrarland ist das. 60.000 Stück Braunvieh sind der ganze Stolz der rund 11.000 Bauern. Insgesamt verdienen fast 28.000 Menschen ihren Lebenserwerb in der Landwirtschaft.

Aber die Textilindustrie beschäftigt schon 20.000 Vorarlberger. Das Land zählt an die 30.000 Arbeiter und 3500 Tagelöhner. Mehr als 15.000 Familienangehörige „helfen mit“. Das klingt harmlos. Aber auch wenn der Zweite Österreichische Kinderschutzkongress vom 4. bis 6. September 1913 in Salzburg das Thema „Kinderarbeit“ eingehend diskutiert, werden die Kindermärkte im Schwabenland erst 1915 abgeschafft. Deshalb etwa verbringt der zwölfjährige Johann Georg Feldkircher aus Bezau auch diesen letzten Friedenssommer als Hirte im Allgäu. So wie 932 Buben und 108 Mädchen vor ihm seit 1820 aus Vorarlberg nach Norden zogen, um ihre armen Familien daheim zu entlasten.

Geburtenüberschuss

Und doch hat sich das Leben der Menschen deutlich verbessert. 4000 Kinder kommen 1913 zur Welt, 2535 Vorarlberger sterben. Die Kindersterblichkeit hat so abgenommen, dass der Geburtenüberschuss auf fast 1600 im letzten Friedensjahr klettert.

Auch Zuwanderung prägt das Land. Die Wirtschaft braucht Arbeitskräfte. Allein der Bau der Arlbergbahn zieht ab 1880 Arbeiter aus Italien nach Vorarlberg. Schon 1910 zählen die Behörden 5857 Einheimische mit italienischer Umgangssprache. Hinzu kommen 1449 Reichsitaliener. In manchen Gemeinden wie Stallehr, Thüringen oder auch Hard spricht beinah jeder fünfte Bürger Italienisch. Im ganzen Land sind es fünf Prozent. Der Erste Weltkrieg wird viele Italiener zur Rückwanderung bewegen. Und er wird Vorarlberg 4823 Menschenleben kosten.

Aber noch ist Frieden. Warum sollte sich das auch ändern? Vorarlberg hat 1913 eine Zeit beachtlichen Aufschwungs hinter sich. Die Habsburgermonarchie versuchte mit der Rückkehr zur Schutzzollpolitik nach dem Börsenkrach 1873 die heimische Industrie vor ausländischen Anbietern zu schützen. In der Folge errichten zahlreiche deutsche Unternehmen Zweigniederlassungen im grenznahen Vorarlberg, um die Monarchie von hier aus zollfrei zu beliefern. Ab 1882 produzieren die Gebrüder Kraft aus Baden Lederwaren in Lochau. Drei Jahre später nimmt der Stuttgarter Wirkwarenhersteller Wilhelm Benger & Söhne im Bregenzer Vorkloster eine moderne Wollwirkerei in Betrieb. Philipp Trüdinger aus Basel fertigt ab 1886 Seidenbänder in Bregenz. Auf Julius Maggi (1887) folgt ein Jahr später C. H. Knorr. Suchard sperrt das Zweigwerk in Bludenz auf. Schöller kommt 1897 nach Bregenz Rieden, die Gebrüder Sannwald produzieren ab 1894 Wollwaren in Hörbranz.

Allein zwischen 1864 und 1896 haben zehn neue Spinnereien und Webereien in Vorarlberg den Betrieb aufgenommen. Doch der Vorabend des Ersten Weltkriegs findet die Textilindustrie in einer Krise wieder. Der Industriellenbund vermerkt 1912, dass der Absatz stockt und immer weniger Fabrikanten sich die Rohstoffpreise leisten können. Die Spinnerei Getzner & Comp. in Nenzing kürzt 1913 Arbeitszeit und Löhne bei allen 168 Beschäftigten. 1914 reduzieren etliche Fabriken ihren Betrieb auf die Hälfte.

Allein, die Bregenzer haben im August 1913 „andere Sorgen“. Sie feiern. Über 100 Lehrer und „Freunde der Schule“ versammeln sich vom 4. bis 23. August in Bregenz zu Wissenschafts-Ferialkursen der Universität Innsbruck. Das ist eine Sensation. Die Landes-Zeitung schreibt von „Pädagogischen Festtagen“ und unterstreicht: Der Jugend die Treue zu halten, sei „das schönste Lebensziel, das einem Lehrer beschieden sein kann“. Und was lernen die Lehrer da? „Die Volkswirtschaft der Gegenwart und ihre Hauptprobleme“ und „Die Grenzen der Erkenntnis“. Abends spielt die Kapelle des k. und k. Infanterieregiments „Erzherzog Rainer“. Am 4. August 1914 wird das Regiment nach Russland in den Krieg ziehen.

Luftschiff L2: Wurde ab August 1913 in Friedrichshafen gebaut und verbrannte am 17. Oktober.
Luftschiff L2: Wurde ab August 1913 in Friedrichshafen gebaut und verbrannte am 17. Oktober.
So sah die „Mili“ 1913 aus. Die Herren posieren.
So sah die „Mili“ 1913 aus. Die Herren posieren.
Maggi, seit 1887 in Bregenz, zielt mit der Werbung auf alemannische Sparsamkeit.
Maggi, seit 1887 in Bregenz, zielt mit der Werbung auf alemannische Sparsamkeit.
„Der Triumph der Schuhindustrie“ steht am 23. August in Lindau in der Auslage.
„Der Triumph der Schuhindustrie“ steht am 23. August in Lindau in der Auslage.
Am 28. August macht die Druckerei Müller den Kunden klar, was sie zu tun haben.
Am 28. August macht die Druckerei Müller den Kunden klar, was sie zu tun haben.
18. August 1913: „ . . . machten einen Ausflug nach Rudach, bei der Quelle daselbst machten wir Rast.“
18. August 1913: „ . . . machten einen Ausflug nach Rudach, bei der Quelle daselbst machten wir Rast.“
Die Dampfsäge – hier im Mai 1913 – gab der Bregenzer Sägergasse ihren Namen.
Die Dampfsäge – hier im Mai 1913 – gab der Bregenzer Sägergasse ihren Namen.
Eingang zum K. K. Staatsgymnasium in Bregenz.
Eingang zum K. K. Staatsgymnasium in Bregenz.
Anzeigen sind ein Spiegel der Zeit: Erschienen am 1. August in der Landeszeitung.
Anzeigen sind ein Spiegel der Zeit: Erschienen am 1. August in der Landeszeitung.
2. August: Hausierer werden nicht verjagt, sondern dringend gesucht.
2. August: Hausierer werden nicht verjagt, sondern dringend gesucht.
„Schneefest“ in Kehlegg, 4. August 1913: Die Kapelle feiert ihr Patronatsfest „Maria Schnee“, daher der Name. Fotos: Hohentwiel, Stadtarchive Bregenz und Dornbirn
„Schneefest“ in Kehlegg, 4. August 1913: Die Kapelle feiert ihr Patronatsfest „Maria Schnee“, daher der Name. Fotos: Hohentwiel, Stadtarchive Bregenz und Dornbirn