Und plötzlich liegt Tod über der Stadt

Vorarlberg / 30.09.2013 • 20:15 Uhr
Aus den Trümmern wurden 210 Leichen geborgen. Foto: Stadt Feldkirch
Aus den Trümmern wurden 210 Leichen geborgen. Foto: Stadt Feldkirch

Vor 70 Jahren fielen Bomben auf Feldkirch. 210 Menschen starben. Zeitzeugen erzählen.

Feldkirch. Der 1. Oktober 1943 ist ein schöner Tag. Leicht föhnig. Mit 15 Grad nicht übertrieben warm. Vorarlberg geht in den vierten Kriegswinter. Der Feldkircher Domplatz heißt Adolf-Hitler-Platz. Aber die Festumzüge nach dem Anschluss im März 1938 und ihre lärmende Begeisterung sind verklungen. Im Februar 1943 haben sich in Stalingrad die Reste der
6. Armee ergeben. Die Zeit der „Blitzsiege“ ist vorüber. An diesem Tag tritt eine Verordnung in Kraft, die es deutschen Soldaten erleichtern soll, ihr Testament zu machen.

Der Satteinser Ferdinand Schwarz ist an diesem
1. Oktober 16 Jahre alt und in der Lehrlingswerkstatt der Deutschen Reichsbahn in Feldkirch beschäftigt. Die gleichaltrige Waltraud Elvira Bernhart aus dem Südtiroler Kastelbell besucht die nahe gelegene Lehrerbildungsanstalt. Karl Vogel (15) aus Hohenems ist im angeschlossenen Knabenheim untergebracht.

Auf dem Weg nach Augsburg

Um 12.22 Uhr heulen die Sirenen: Fliegeralarm. Schwarz und die anderen Lehrlinge schauen zum Himmel. Sie sehen eine Formation von mehreren Flugzeugen Richtung Norden fliegen. „Das sind 15 Maschinen“, zählt zur selben Zeit Karl Vogel. Er ist mit seinem Schulfreund Herwig Walser auf die Dachterrasse des Knabenheims gestiegen. Jetzt sehen die beiden, wie Schülerinnen von der Sportwiese und vom Schulhof in die Schutzräume laufen. Auch Waltraud Bernhart ist darunter. Die Heimleiterin ruft ihr von der Eingangstür des Heims zu, sich in Sicherheit zu bringen. Das 16-jährige Mädchen steigt in einen Keller hinab und setzt sich in eine Ecke.

Es passiert . . . nichts. Vermutlich laden sie ihre Fracht über Augsburg ab, denkt sich Karl Vogel. Er wartet auf der Terrasse auf den langen Heulton zur Entwarnung. Aber dann kommen erneut Bomber in Sicht. Sie fliegen tief. Staniolstreifen regnet es vom Himmel. Und dann geht alles schnell.

„Drei Bombergruppen waren an diesem Morgen in Tunesien gestartet.“ Der Innsbrucker Zeitgeschichtler Thomas Albrich hat die Ereignisse minutiös rekapituliert. „Jeweils 15 amerikanische B 17 ,flying fortress‘ hoben in 30-Minuten-Abständen ab.“ Sie flogen in einem komplett geschlossenen Wolkenmeer Richtung Norden. Augsburg und die Messerschmittwerke konnten sie nicht finden. „Für eine dieser drei Gruppen lag Feldkirch dann auf dem Rückweg.“ Feldkirchs große Gebäude dürften den Ausschlag gegeben haben. Der Abwurf dauerte nur zwei, drei Minuten.

Ein Zischen und Pfeifen

Karl Vogel hat „das unheimliche Zischen und Pfeifen“ noch in Erinnerung, sagt er den VN. „Es übertönte alle anderen Geräusche. Dann zerriss uns ein Donnerschlag beinah das Trommelfell.“ Sein Freund und er werden die Stiege hinuntergeschleudert. Sie bleiben aber unverletzt. Sie taumeln ins Freie. Als die Staubwolken sich lichten, stehen sie vor einem Bombentrichter, „mitten im Schulhof“. „Die erste Bombe hat das Knabenheim nur knapp verfehlt.“ Aber das Mädchenheim und das Lazarett im Antoniushaus werden völlig zerstört. „Zuerst folgt dem Inferno eine lähmende Stille – dann hören wir Schreie und Hilferufe.“ 210 Tote und über 100 Schwerverletzte werden in Feldkirch aus den Trümmern geborgen.

Der Bahn-Lehrling Ferdinand Schwarz kommt mit dem Schrecken davon. Waltraud Bernhart wird in ihrem Keller verschüttet. „Ich hatte Todesangst. Ich glaubte, jetzt ist es mit mir vorbei.“ Aber während elf Mädchen ihrer Klasse sterben und acht verletzt werden, bleibt sie als Einzige unversehrt. Die nationalsozialistische Totenfeier trug die bekannten heroischen Züge. Von „anglo-amerikanischen Terrorfliegern“ war die Rede. Zwei Jahre später waren dann NS-Spuk und Zweiter Weltkrieg vorüber.

Das Mädchenheim der Lehrerbildungsanstalt und das Antoniushaus (vorne) wurden vollständig zerstört. Foto: Karl Vogel
Das Mädchenheim der Lehrerbildungsanstalt und das Antoniushaus (vorne) wurden vollständig zerstört. Foto: Karl Vogel

Ein Tag im Krieg

Was am 1. Oktober 1943 in Europa an Großereignissen passiert ist:

» Truppen der Alliierten marschieren in die süditalienische Stadt Neapel ein.

» In der Nacht zum 2. Oktober legen 243 viermotorige Lancaster der britischen Luftwaffe die deutsche Stadt Hagen in Schutt und Asche.

» In der Nacht zum 2. Oktober versucht das deutsche Besatzungsregime in Dänemark, mehr als 8000 dänische Juden zu verhaften.

» Die Schweiz und das Deutsche Reich schließen ein neues Wirtschaftsabkommen.

» Im Deutschen Reich tritt eine neue Verordnung über die Gültigkeit von Soldatentestamenten in Kraft.