Wo neues Leben wächst

Trotz Ausbau ist die Wohngemeinschaft Mutter und Kind schon wieder zu klein.
Feldkirch. Um elf Uhr am Vormittag hat Petra vorerst ausgestrampelt. Ihre Mama vertraut das umtriebige kleine Bündel der Wiege an. Augenblicke später hört man nur noch ruhiges Atmen und den einen oder anderen kleinen Seufzer. „Eine Parademama ist das“, flüstert Tanja Breuss. Die Sozialpädagogin zieht selber zwei Kinder groß. Umso mehr schätzt sie, wie die 24-jährige junge Frau ihre vier Sprößlinge umsorgt.
Was heißt schon daheim?
Vor Monaten hat die Familie in der Feldkircher Wohngemeinschaft Mutter & Kind der Caritas Obdach gefunden. Daheim ging es nicht mehr. Hat der Vater getrunken? War Gewalt im Spiel? Da bleibt Tanja Breuss einsilbig. Jedenfalls ist „Daheim“ überhaupt das falsche Wort. Dort, wo das soziale Netz derart weitmaschig gestrickt ist, bleibt das Zuhause oft nur ein Wunsch.
Sechs Frauen und zehn Kinder leben zur Zeit im Bereich „Intensiv-Wohnen“, der 24 Stunden, rund um die Uhr, betreut wird. Die vier Wohneinheiten einen Stock höher bieten im Augenblick vier Frauen und ihren Kindern eine Basis für erste Schritte in ihr neues Leben. „Bei uns können Mütter und ihre Kinder ein Jahr lang unterkommen“, sagt Tanja Breuss: „Unsere Warteliste ist lang.“ Auch die zwei Außenwohnungen in Feldkirch und Dornbirn sind praktisch immer voll belegt.
Aus der Küche duftet es allmählich nach Mittagessen. Zwei Mal pro Woche ist das Kochprojekt am Werk. Die oft sehr jungen Mütter lernen Mahlzeiten zuzubereiten. „Wir gehen auch mit ihnen einkaufen.“ Manche Mamas sind erst 15, 16 Jahre alt, selber noch Kinder. Schritt für Schritt lernen sie, Beziehung zu ihren Babys aufzubauen. Manchmal greift Tanja Breuss zur Klangschale, dann werden die Kleinen ganz still. Willkommens- und Abschiedsfeste werden gefeiert. Die Tage sind durchwirkt von kleinen Ritualen. Vom Morgenkreis mit Gitarre bis zum lauten, gemeinsamen „Guten Appetit“ beim Abendbrot.
„Tolle junge Papas“
Die Mamas und ihre Kinder erfahren in der Wohngemeinschaft Dinge, die ganz alltäglich scheinen. Und die Papas? „Oh, wir haben ganz tolle junge Papas“, bekräftigen Tanja Breuss und die Psychologin Doris Müller. In einem Besucherzimmer finden sehr junge Familien allmählich zueinander. Aber auch dort, wo unsichtbare Bruchlinien nicht mehr zu kitten sind, „achten wir darauf, dass jedes Kind ein Foto der ganzen Familie hat“. Das ist Doris Müller wichtig. Auch wenn Mann und Frau sich entzweien, „bleibt der Papa immer der Papa“.
An der Wand hängt ein Plakat. Die Mütter haben notiert, was sie sich wünschen: „Eine eigene Wohnung, die ich mir leisten kann“, steht da und: „einen Notgroschen“.
Die Caritas hat dieser Ausgabe der VN einen Erlagschein beigelegt.
Wir sind das ganze Jahr über voll belegt. Die Warteliste ist lang.
Tanja Breuss



Fakten
» Seit Anfang 2012 „Rund-um-die-Uhr“-Betreuung in der Wohngemeinschaft
» 90 Prozent der Kindesmütter sind unter 30 Jahre alt, 10 Prozent minderjährig
» Knapp 90 Prozent der Familien verfügen zum Einzugszeitpunkt über ein Einkommen unter der Armutsgefährdungsschwelle
» 2012 waren 104 Beratungsgespräche und Weitervermittlungen notwendig.