Eine Chance fürs „Hoamatle“

Vorarlberg / 16.03.2014 • 22:34 Uhr
Das bürgerschaftliche Engagement der Genossenschaft „mehramsee“ trägt Früchte: Mehr als 500 Interessierte kamen am Sonntagabend zur Filmpremiere von „Ein Paradies mit Schönheitsfehlern“. Selbst am Rang waren nicht genügend Sitzplätze vorhanden. Die anschließende Diskussion wurde von VN-Redakteur Thomas Matt moderiert.  Fotos: VN/Hofmeister
Das bürgerschaftliche Engagement der Genossenschaft „mehramsee“ trägt Früchte: Mehr als 500 Interessierte kamen am Sonntagabend zur Filmpremiere von „Ein Paradies mit Schönheitsfehlern“. Selbst am Rang waren nicht genügend Sitzplätze vorhanden. Die anschließende Diskussion wurde von VN-Redakteur Thomas Matt moderiert. Fotos: VN/Hofmeister

Die „mehramsee“-Initiative glaubt fest an eine Unterflurlösung für die Bahn.

Bregenz. Sie pries das „Hoa­matle am himmelblaua Bodasee“ mit glockenheller Stimme. Iris Hercher, Geschäftsführerin der Genossenschaft „mehramsee“, legte ihre ganze Inbrunst in diese 150 Jahre alten Zeilen von Kaspar Hagen. „Weil Bregenz für weitere Generationen ein Paradies bleiben soll“, wie sie betonte. Doch das Paradies hat einen Schönheitsfehler. Bahngleise liegen wie scharfe Trennstriche zwischen See und Stadt.

Frank Mätzler hat diesen Umstand und weitere Unerfreulichkeiten, aber auch Perspektiven, in einen 40-minütigen Film gepackt. Gestern luden „mehramsee“ und die VN zu Premiere und Diskussion ins Kornmarkttheater. Und die Interessierten strömten nur so herein. Mehr als 500 bekamen vom Bregenzer Medienschaffenden eindrucksvolle wie bedrückende Bilder serviert. Etwa Züge, die an erholungssuchenden Menschen vorbeidonnern und wie Schwerter die Stille zerschneiden. Zurück blieb letztlich das Empfinden, dass es so etwas nicht geben darf.

Soll es auch nicht, wenn es nach Pius Schlachter, dem Initiator von „mehramsee“ geht. Er gab sich in der anschließenden Diskussion überzeugt, dass eine Unterflurlösung für die Bahn entlang des Vorarlberger Bodenseeufers machbar ist, wenn nur alle zusammenhelfen. Genährt wird dieser Glaube durch die Ankündigung von Land, Stadt und ÖBB, bis zum Sommer eine neuerliche Machbarkeitsstudie durchführen zu lassen. „Ich bin froh über die Bewegung, die in die Sache kommt. Denn das ist ein Zeichen, dass sie ernst genommen wird“, meinte Pius Schlachter. Er kündigte auch an, seine Genossenschaft in die Auftragsvergabe für die Studie hineinreklamieren zu wollen. Zudem forderte er das Land auf, die Frage der Finanzierung anzugehen.

Um die drehte sich der Großteil der Diskussion. Kein Wunder bei anvisierten Kosten zwischen 200 Millionen und einer Milliarde Euro. Johannes Ortner, Vorstandsdirektor der Raiffeisenlandesbank, räumte ein, dass diese Summe nicht einmal durch alle Regionalbanken im Land aufzubringen wäre. Gleichzeitig verwies er auf realisierte Großprojekte wie den Tunnel unter dem Ärmelkanal oder den in Bau befindlichen Gotthard-Basistunnel.

Bedeutend für das ganze Land

Seiner Ansicht nach erfordert die Finanzierung insgesamt eine europäische Dimension. „Es sind aber auch viele Menschen bereit, Geld in soziale und wirtschaftlich sinnvolle Projekte zu stecken“, wusste der Banker zu berichten.

Einig waren sich alle, dass eine Unterflurvariante am Seeufer nicht allein eine Sache ist, die nur Bregenz etwas angeht. „Sie hat für ganz Vorarlberg große Bedeutung“, warf Christoph Thoma, Geschäftsführer des Stadtmarketings, ein. Dem Vorschlag eines Besuchers, auf den freiwerdenden Flächen „ein paar Kultursachen hinzubauen“, konnte er allerdings wenig abgewinnen. „Noch mehr Kultur vertragen wir nicht. Es gibt bereits ein hochwertiges Kulturangebot“, konterte Thoma unverblümt. Ebenso klar kam heraus, dass niemand die Bahn abschaffen will. Aber: „Güterzüge sollen dort fahren, wo sie die Menschen nicht stören“, wünschte sich Mag. Clemens Sagmeister von der Wirtschaftsgemeinschaft. Es wurde auch dem Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs das Wort geredet, um die Straßen zu entlasten. „Wir brauchen die Bahn jedoch im 15- und nicht im 30-Minuten-Takt“, merkte Thoma dazu an.

Ich bin froh über die Bewegung, die in die Sache gekommen ist. Sie wird ernst genommen.

Pius schlachter
Bauunternehmer Hubert Rhomberg warnte vor Gedankenspielen über die Bahnflächen: „Dort sollten keine Hochhäuser hin, sondern Grünflächen.“
Bauunternehmer Hubert Rhomberg warnte vor Gedankenspielen über die Bahnflächen: „Dort sollten keine Hochhäuser hin, sondern Grünflächen.“

Stimmen

Sobald man Dinge anfängt, haben sie auch eine Chance, beendet zu werden.

Pius Schlachter

Wenn wir in einer Stunde von Bregenz aus in München sind, fährt keiner mehr mit dem Auto.

Clemens Sagmeister

40 Minuten als Film sind wenig für ein Thema, das uns die nächsten 40 bis 80 Jahre beschäftigen wird.

Frank Mätzler

Wir wollen den Zug dort haben, wo die Leute sind. Das wäre unsere Wunschvorstellung.

Pius Schlachter

Man wird nicht schnell reich, aber irgendwann wird sich die Investition rechnen.

Johannes Ortner

Die Diskussion um die Finanzierung geht mir zu weit. Man sollte erst die Güterverkehrs- und Machbarkeitsstudie abwarten.

Christoph Thoma

Es gibt auch eine Straße, die durch die Stadt führt, und die ist für die Lebensqualität ebenfalls nicht förderlich. Deshalb sollte die Bahn nicht nur als Einzelprojekt betrachtet werden.

Eine Besucherin

Stichwort. mehramsee

Am 5. April 2013 hat der Bregenzer Pius Schlachter gemeinsam mit Gleichgesinnten die Genossenschaft „mehramsee“ gegründet. Ziel der Genossenschafter ist es, die Bahn am Bregenzer Bodenseeufer zweigleisig auszubauen und inklusive der Bahnhöfe unter die Erde zu verlegen. Die Idee scheint utopisch. Aber sie zog Kreise. Weit über 100.000 Quadratmeter ÖBB-Grund würden frei werden, eine große raumplanerische Chance und Herausforderung. Die Anbindung an das europäische Hochleistungsbahnnetz würde Zürich, München, Stuttgart vernetzen. Den Kosten von rund einer Milliarde Euro steht laut „mehramsee“ ein enormer volkswirtschaftlicher Nutzen gegenüber.

217 Menschen haben inzwischen 1104 Anteile der Genossenschaft gezeichnet. Mehr Informationen im Internet unter mehramsee.eu